Veränderungen bleiben möglich

Die Landschaftsarchi­tekten von Terra.Nova und Club L94 greifen für die Neugestaltung der Ulmer Fußgängerzone auf das Webmuster eines Stoffes zurück, der die Stadt einst florieren ließ.

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

    1. Preis: Terra.Nova und Club L94 gliedern die Fußgängerzone mit Bäumen und einem Granitboden, der auf subtile Weise ans Gewebe des „Ulmer Barchent“ erinnern will.

    1. Preis: Terra.Nova und Club L94 gliedern die Fußgängerzone mit Bäumen und einem Granitboden, der auf subtile Weise ans Gewebe des „Ulmer Barchent“ erinnern will.

    Die Inspiration: das Barchent-Gewebe
    Bild: Terra.Nova und Club L94

    Die Inspiration: das Barchent-Gewebe

    Bild: Terra.Nova und Club L94

    Bild: Terra.Nova und Club L94

    Bild: Terra.Nova und Club L94

    Das im Bereich der Glöcklerstraße verrohrte Flüsschen Blau soll wieder ans Tageslicht und mit einer Treppenanlage in die Fußgängerzone einbezogen werden.

    Das im Bereich der Glöcklerstraße verrohrte Flüsschen Blau soll wieder ans Tageslicht und mit einer Treppenanlage in die Fußgängerzone einbezogen werden.

Veränderungen bleiben möglich

Die Landschaftsarchi­tekten von Terra.Nova und Club L94 greifen für die Neugestaltung der Ulmer Fußgängerzone auf das Webmuster eines Stoffes zurück, der die Stadt einst florieren ließ.

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

Anfang März war ich in Terracina. Im Dom der Stadt am Tyrrhenischen Meer, etwa 100 Kilometer südöstlich von Rom, trennen antike Säulen die Schiffe voneinander, doch römisches Material ist auch anderswo in Terracina zu entdecken: Die Piazza Municipio vor der Kirche etwa zeigt sich bedeckt mit Steinquadern, mit denen vor rund 2300 Jahren die Via Appia übers damalige Forum geführt wurde. Ein Straßenpflaster, 2300 Jahre alt? Der deutsche Besucher kann darüber ins Grübeln stürzen: Warum sind wir es gewohnt, unsere Plätze und Fußgängerzonen alle dreißig, vierzig Jahre einer Neugestaltung zu unterziehen? Warum ist die Bereitschaft so gering, mehr Geld für besseres Material auszugeben, das länger hält – wenn schon nicht 2000 Jahre, so aber doch länger als ein Vierteljahrhundert? Sind wir un­fähig, Patina zu ertragen, Spuren von Gebrauch und Geschichte? Gibt es keinen anderen Ort für uns als Leonia, Italo Calvinos „unsichtbare Stadt“ der permanenten Erneuerung, verborgen hinter Wällen von Müll?
In Ulm soll jetzt die Fußgängerzone erneuert werden. Ulm ist eine schöne Stadt. Je nachdem, welchen Weg man durch sie nimmt, kann man sie sogar für sehr schön halten. Wer etwa aus Bayern kommt, aus der Schwesterstadt Neu-Ulm, über die Donaubrücke geht, dann gleich nach links abbiegt und durchs Fischerviertel mit seinen windschiefen Häusern spaziert, von dort seine Schritte den Hügel hinan lenkt zum Rathaus und zur Neuen Mitte, mit der die autogerechte Stadt des Wiederaufbaus architektonisch wie funktional erfolgreich reurbanisiert worden ist, das Münster besichtigt und schließlich nordwärts das Stadtzentrum verlässt, wird Ulm vermutlich als ebenso attraktive wie lebenswerte Stadt in Erinnerung behalten. Die Fußgängerzone hat man in diesem Fall allerdings umgangen – der Eindruck wäre sonst weniger günstig. Das war vermutlich nicht immer so: Als noch inhabergeführte Läden den Straßenzug Bahnhofstraße/Hirschstraße säumten, dazu Kinos und Cafés lockten, mag der spätnachmittägliche Einkaufsbummel auch hier noch ein Erlebnis gewesen sein. Heute aber dominieren wie in den meisten deutschen Fußgängerzonen Filialisten und lieblos gestaltete Schaufensterfronten das Bild, dazu ein in die Jahre gekommenes Stadtraumdesign, das in diesem Fall noch aus den 70er Jahren stammt.
Es waren die letzten Jahre des Booms dieses nach dem Krieg von Kiel, Kassel und Stuttgart aus in die Bundesrepublik strahlenden Stadtraumtypus; eine Zeit, in der noch vielerorts Fußgängerzonen eingerichtet wurden. Mitunter waren diese durchaus phantasievoll geplant, mit etlichen, aus heutiger Sicht interessanten Objekten wie Brunnen und Wasserläufen, Kunstwerken und Spielangeboten. In Ulm aber hatte man sich damals mit Flächen aus roten Ziegeln begnügt, gegliedert mit grauen Streifen aus Naturstein. Lediglich ein paar gemauerte kreisrunde Pflanzbecken erhoben sich hier und da aus dieser homogenen Fläche, die nur darauf zu warten schien, mit Sonderangebotsständern und Wühltischen vollgestellt zu werden. Kurz: Die Ulmer Fußgängerzone ist kaum als erinnerungswürdiger, schon gar nicht erhaltungswürdiger Stadtraum jener Zeit zu bezeichnen. Das Problem dabei, für die Stadt als Ganzes: Der Straßenzug ist die direkte Verbindung von Hauptbahnhof und Münster, also quasi das Einfallstor für Besucher – ihre potentielle Visitenkarte. „Potentiell“ ist auch insofern ein angemessenes Attribut, als der Straßenzug räumlich nicht uninteressant ist: Vom Bahnhof kommend, führt die Bahnhofstraße in einer S-Kurve leicht abwärts bis zur Einmündung der Glöcklerstraße, die sich platzartig aufweitet, von dort als Hirschstraße in gerader Linie weiter mit leichter Steigung bis kurz vor den Münsterplatz, auf den sie nach einem letzten Schwenk nach rechts mündet, um erst im letzten Moment den Blick auf die Portalzone der gewaltigen Kirche freizugeben.
Ende März hat die Stadt Ulm einen Wettbewerb für das Redesign ausgelobt; Ende Juli wurde er entschieden. Die 20 Teilnehmenden des nicht offenen, einphasigen Verfahrens waren aufgefordert, die westliche Innenstadt mit Blick auf die Themen Gestaltung, Nutzung und Soziales, Ökologie und Erreichbarkeit zu bewerten und Vorschläge zu unterbreiten, wie sich diese Haupt­einkaufslage in allen Punkten weiterentwickeln könnte. Das Preisgericht votierte mit großer Deutlichkeit für den Entwurf des Münchner Büros Terra.Nova Landschaftsarchitektur mit Club L94 Landschaftsarchitekten, Köln – ein zweiter Preis wurde nicht vergeben, stattdessen zwei dritte Preise an Atelier Loidl Landschaftsarchitekten und Planorama Landschaftsarchitektur, beide aus Berlin. Zudem sprachen die Jurorinnen und Juroren zwei Anerkennungen aus.
„Vom Durchgangs- zum Aufenthaltsraum“,cha­rakterisieren Terra.Nova und Club L94 die Entwicklung der Fußgängerzone in den nächsten Jahren: Ihre Bedeutung als Einzelhandelsstandort wird abnehmen, stattdessen wird wieder ei­ne vielfältigere Nutzung einziehen, vom Wohnen über Arbeiten bis zu Freizeit- und Kulturangeboten. Als Zentrum der westlichen Innenstadt wollen die beiden Büros die verbindende Funktion von Bahnhof- und Hirschstraße im Stadtgefüge deutlich machen, mit einer Gestaltung, die sich von allen anderen in Ulm anzutreffenden Belägen abhebt und doch eng mit der Stadtgeschichte verbunden ist. „Ulmer Barchent“ heißt das Stichwort: Den historischen, für den Wohlstand Ulms einst mitverantwortlichen Webstoff soll der neue Bodenbelag aus hellen und dunkleren Granitbändern in Erinnerung rufen. Das so eindeutig zusammenhängende Raumgewebe wird auf verschiedenen Ebenen in Haupt- und Nebenlagen differenziert: Während Bahnhofstraße/Hirschstraße mit locker verteilten Bäumen in Seiten- und Mittelbereiche zoniert werden sollen, erhalten die Querstraßen eine dichte Baumreihe bzw., wie in der Glöcklerstraße, ein ganzes Baumdach. Dort soll auch das verrohrte Flüsschen Blau wieder ans Tageslicht geholt und mit einer „Wassertreppe“ in die Fußgängerzone einbezogen werden. In der Mittelzone von Bahnhof- und Hirschstraße, die nicht mehr der Bewegung, sondern Aufenthalt und Aktivitäten gewidmet wird, soll der Granitboden zudem mit diagonalen Rillen versehen werden, die einerseits den Bezug zum historischen Textil noch deutlicher machen, andererseits Tages- und Kunstlicht auf eigene Weise reflektieren und so die Gliederung des Straßenraums unterstützen. Auch die Beleuchtung wird auf die Raumcharaktere abgestimmt: mit frei verteilten Zylindern in der Hauptstraße, streng gereihten Stelen in den Seitengassen und besonders inszenierten Phänomenen wie Brunnen und Wasserspielen und der Baum-Lounge in der Glöcklerstraße.
„In Summe handelt es sich um einen Beitrag, der eine hochattraktive und zukunftsweisende Vision für eine atmosphärische und ökologische Neuinterpretation der städtischen Fußgängerzone entwirft, die verspricht, flexibel und anpassungsfähig auf eine zumindest in Teilen noch unbekannte Zukunft reagieren zu können“, lobt das Preisgericht und empfiehlt einstimmig, die erstplatzierte Arbeit zur realisieren. Wenn die Granitplatten nicht zu dünn geschnitten werden, könnte die nächste Neugestaltung vielleicht tatsächlich in fernerer Zukunft erforderlich sein als schon in vierzig Jahren.
Nichtoffener Realisierungswettbewerb
1. Preis (36.400 Euro) Terra.Nova Landschaftsarchitektur, München, mit Club L94 Landschaftsarchitekten, Köln
3. Preis (18.200 Euro) Atelier Loidl Landschaftsarchitekten, Berlin
3. Preis (18.200 Euro) PLANORAMA – Landschaftsarchitektur, Berlin
Anerkennung (9100 Euro) bauchplan ).( landschaftsarchitekten und stadtplaner partmbb, München
Anerkennung (9100 Euro) Franz Reschke Landschaftsarchitektur, Berlin
Fachpreisgericht
Frank Lohrberg, Roberto Kaiser, Birgit Kröniger, Martin Rein-Cano (Vorsitz), Tim von Winning

Ausloberin
Stadt Ulm
Verfahrensbetreuung
FALTIN + SATTLER | FSW, Düsseldorf

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