Bauwelt

Wie Brüssel ein Modell wurde

Brüssel ist mit der spektakulären Umnutzung von Bauten europaweit im Gespräch. Ein Blick von außen auf die Planungsstrategien einer Stadt, die sich neu erfindet.

Text: Geipel, Kaye, Berlin

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    Statt auf teuren Wohnbau setzt Brüssel am Kanal auf gute Industriearchitektur, wie hier mit einem Bau von Tetra Architecten für ein Logistik-Unternehmen.
    Foto: Filip Dujardin

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    Statt auf teuren Wohnbau setzt Brüssel am Kanal auf gute Industriearchitektur, wie hier mit einem Bau von Tetra Architecten für ein Logistik-Unternehmen.

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    Links der Bau von Tetra Architecten, dahinter der Park de Laeken.
    Foto: Severin Malaud

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    Links der Bau von Tetra Architecten, dahinter der Park de Laeken.

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Wie Brüssel ein Modell wurde

Brüssel ist mit der spektakulären Umnutzung von Bauten europaweit im Gespräch. Ein Blick von außen auf die Planungsstrategien einer Stadt, die sich neu erfindet.

Text: Geipel, Kaye, Berlin

Das Büro des Bouwmeester, kurz BMA genannt, ist leicht zu finden. Man erreicht es über die östliche Seite des charakteristischen Fünfecks der Innenstadt. Die Rue de Namur war immer schon Stadt-Entrée und Durchgang zugleich. Die abschüssige Einfallstraße führt vom Platz eines ehemaligen Stadttors am Boulevard de Waterloo hinab zur neoklassizistischen Place Royale im Herzen der Stadt. Zugleich liegt sie auf einer historisch bedeutsamen Achse, der „Vieille Chaussée“, die Brüssel seit dem 11. Jahrhundert durchquerte.
In der Nummer 59, im einzig modernen Bau der Umgebung, arbeitet das 15-köpfige Team, das für die qualitative Erneuerung von Architekturprojekten und Stadtplanung zuständig ist. Die hierarchische Struktur des Teams ist flach, gearbeitet wird häufig im Duo. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind grundsätzlich an allen Aufgaben beteiligt. Es soll, so Kristiaan Borret, der das Team seit 2014 leitet, keinen „Monsieur Sozialer Wohnungsbau“ und keine „Madame Mobilität“ geben.
Großstadtaversion
Während man bei Belgien unwillkürlich an das „vlakke Land“ denkt, hat Brüssel eine ausgeprägte Topografie mit Tälern, Hügeln und Plateaus mit ihren Kanten. Wer Rad fährt, spürt die vielen Anstiege abends in den Knochen. Das Tal der Senne, das die Stadt von Nordwest nach Südost durchschneidet, und die von gehobenem Wohnbau geprägten Hügel im Osten und Südosten teilen die Hauptstadt in unterschiedlich dichte Zonen, die sich auch in ihrer Sozialstruktur stark unterscheiden.
Die Topografie prägte die Stadtstruktur. Angelehnt an das Pentagon der Innenstadt bestehen die Ränder des Kanals, der seit dem 16. Jahrhundert die – heute unterirdische – Senne als Transportweg Richtung Antwerpen abgelöst hat, vor allem aus ehemaligen Industrie- und Gewerbebauten. Von Ost nach West schiebt sich unübersehbar der Keil der Hochhäuser der europäischen Hauptstadt ins Zentrum. Außerhalb der Mitte erstreckt sich ein Meer von Einfamilienhäusern. Die räumlichen Übergänge sind abrupt. Auseinandergerissen wird die Struktur zudem von den Autoschneisen der Nachkriegszeit und einem Bahndamm, der seit der Verbindung von Nord- und Südbahnhof 1952 die Mitte durchpflügt.
Eine politische Verwaltungsstruktur, die diese fragmentierte Gemengelage mit ihren 19 Gemeinden koordinierte, gab es lange Zeit nicht. Brüssel war über Jahrzehnte die vor allem von der flämischen Bevölkerung Belgiens wenig geliebte und sich in ihrer räumlichen Ausprägung selbst überlassene Hauptstadt. Bekannt wurde die 1968 veröffentlichte Kritik des Architekten Renaat Braem, der eine Reihe von vorbildlichen sozialen Wohnbauten Brüssels entworfen hatte. Er beschreibt Belgien als „Het lelijkste land ter wereld - das hässlichste Land der Welt“, kritisiert die ländliche Zersiedelung und polemisiert gegen die völlige Vernachlässigung städtischer Lebensräume.
Genützt hat sein Weckruf nichts. Der Ausverkauf städtischen Bodens zugunsten einer Bürohausmoderne ohne architektonischen Anspruch geht in den 1970er Jahren munter weiter. Eine gemeinsame Verwaltung allerstädtischen Gemeinden kommt nicht zustande. Der Begriff „Bruxellisation“ steht seit jener Zeit für den politisch unkontrollierten Abriss von ganzen Quartieren und den Neubau von Hochhäusern. Anfang der 1990er Jahre gilt Brüssel als unansehnliche und nur schwer zu regierende Großstadt.
Ein wichtiger Neuanfang kommt 1993 mit der Einführung der „Region Brüssel Hauptstadt“ zustande, in der den 19 Gemeinden eine eigene politische Verwaltung der Großstadt zur Seite gestellt wird. Weitere 16 Jahre später wird nach flämischem Vorbild die Institution des Bouwmeester eingeführt.
Fragmentierte Stadtstruktur
Gesamtstädtische Planung steht in Brüssel vor einem Widerspruch: Einerseits fordert das Zusammenleben von Flamen, Wallonen und anderer Bevölkerungsgruppen ein komplexes Netz an Regelungen, um die jeweiligen politischen, sozialen und kulturellen Rechte zu garantieren. Andererseits fußt das Land fest auf der Idee des Wohnungseigentums und der individuellen Selbstverantwortung. 71 Prozent der Bevölkerung leben in Belgien im Eigentum1. Dazu kommen in Brüssel die großen sozialen Unterschiede in den verschiedenen Gemeinden. Sehr wohlhabende, locker und mit viel Grün bebaute Quartiere und sehr arme, dicht bebaute Quartiere wie Saint-Josse am Rand des Pentagons liegen oft nur wenige Kilometer auseinander.
Wo setzte nun die Arbeit des heutigen Bouwmeester an, der 2014 mit der Aussage gestartet war, gute Konzepte lägen bereits auf dem Tisch, man müsse sie „auf den Boden bringen“? Blickt man auf die zurückliegenden Jahre, so kann man von einer Strategie transformativer Ideenpläne sprechen, von Werkzeugen für die öffentliche Debatte, die in einem hybriden Mix neue öffentliche Räume mit mehr Durchgrünung und einer Verbesserung der kulturellen, ökonomischen und sozialen Strukturen verknüpfen. Im Fokus stehen die Wohn- und Lebensbedingungen gerade auch in den dicht besiedelten Gemeinden mit geringen Einkommen. Wichtig dabei ist eine Art „räumliche Fürsorgepflicht“ für die existierende Kleinindustrie, die sich in leerstehenden Nischen der Stadt angesiedelt hatte und jetzt mithilfe von architektonischen Vorschlägen für ein neues Neben- und Übereinander von Gewerbe und Wohnen an Bedeutung gewinnen soll.
Borrets Strategie besteht im beherzten Aufgreifen der heute europaweitdiskutierten Themen der ökologischen Transformation, der Produktiven Stadt, der Adaptiven Wiederverwendung des Bestands und der Beteiligung der „Civil Society“ an der Planung. Das Team des BMA übersetzt diese Themen in für die Öffentlichkeit leicht lesbare Strukturpläne, die zeigen, wo die Transformation besonders dringlich ist. Die Rolle der Architektur bei der Umsetzung dieser Pläne ist entscheidend. Die neuen oder sanierten Gebäude sollen nie bloß als losgelöste Elemente eines abstrakten Schwarzplans agieren, sondern im Zusammenspiel innerhalb eines Quartiers zu Treibern einer regenerativen Stadtentwicklung werden.
Ein gutes Beispiel für diese Vorgehensweise ist die Arbeit am „Plan Canal“, den die Regierung der Region Hauptstadt Brüssel 2012 noch unter Borrets Vorgänger Olivier Bastin eingebracht hat. Dieser Plan (Stadtbauwelt 211.2016) zielt zum einen auf die ökologische Transformation längs der Uferzonen des alten Industriekanals und hat zum anderen die dort häufig unter prekären Verhältnissen lebende Bevölkerung mit nicht-belgischem Hintergrund und die Gefahr der Gentrifizierung im Blick2. Vierzig Prozent der Grundstücke in Wasserlage gehören der Stadt, die Bauleitplanung wird entsprechend auf die ökonomischen Grundlagen ausgerichtet. Für Borret bleibt lieber etwas erst einmal leer, als dass sich die Türme des hochpreisigen Wohnbaus breit machen.
Die Schwerpunkte werden anders gesetzt. Während in Oslo, Hamburg, Düsseldorf, Köln, Lyon und Bilbao sogenannte „Wasserstädte“ die einstige Hafenarbeit und ihre Lagerhallen, häufig mit dem Köder eines neuen Museums im Gepäck, in wenigen Jahren von der Bildfläche verschwinden lassen, wird in Brüssel erst einmal nicht abgerissen. Längs des Kanals und dann jeweils an den Zipfeln Richtung Osten erstreckt sich das sogenannte „Croissant pauvre“, ein wegen seiner Form so benannter Halbkreis der Armut. In dieser Zone liegen die Haushalte mit den niedrigsten Einkommen, die Arbeitsplätze – meist einfaches Gewerbe – sind längs des Kanals zu finden, dort, wo man bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts noch produzierte und Binnenschiffe be- und entlud. Deswegen ist für den Kanaal-Plan die Aktivierung bzw. Umnutzung der einstigen Industriegebäude unter dem Stichwort „Productive City“ so wichtig3. Wie weit dieser Plan ein Dutzend Jahre später bereits umgesetzt ist, macht ein Spaziergang deutlich. Inmitten einfacher Wohngebiete finden sich heute in den alten Hallen viele neue Ateliers und kleine und mittlere Industrie wie Fahrradfabriken und Brauereien. Soziale Treffpunkte für Jugendliche, Kindergärten, Schulen, Miniparks, Kunsträume, Sportstätten und lokale Museen kamen über Wettbewerbe des BMA hinzu (Plan rechts).
Unkonventionelles Instrumentarium
Aus deutscher Perspektive mag manches in den BMA-Themen an die Programme einer Internationalen Bauausstellung IBA erinnern. Auch IBAs sind umso erfolgreicher, je besser es ihnen gelingt, den städtischen Verwaltungsapparat mitzunehmen. Das Team des BMA setzt bei der Zusammenarbeit mit Investoren nicht nur auf Worte, in den Räumen der Rue de Namur wird selbst gezeichnet und es werden Modelle gebaut, das überrascht. Eines der Arbeitsfelder nennt sich „Design by Research“. Man entwirft, so Kristiaan Borret, „nicht um selbst zu bauen, sondern als Grundlage für die Diskussion“. Die Ausrichtung und Betreuung vieler Wettbewerbe, die Arbeit in Jurys und die kritische Begutachtung von Projekten über 5000 Quadratmeter gehören zu den weiteren Instrumenten.
Dem Team des BMA kommt zugute, dass die projektbezogene Sanierung im lokalen Maßstab über sogenannte „Contrats de quartiers durables“ zwischen den Gemeinden und den Bewohnern seit langem eingeübt ist. Entwickelt wurden sie in der Folge heftiger Bewohnerproteste in den abgehängten Quartieren Anfang der 1990er Jahre. Die Bandbreite der baulichen Eingriffe des BMA reicht somit vom kleinen lokalen Format sozia-ler Akupunkturen innerhalb eines Blocks – wie etwa die neuen Community Spaces der Architekten URA in der Gemeinde Etterbeek – bis zum XXL einer zusammen mit Investoren ausgearbeiteten städtebaulichen Machbarkeitsstudie zur Umwandlung von leerstehenden Bürotürmen in Wohnbauten im Zentrum.
Re-Use im großen und kleinen Maßstab
Wer heute in Europa nach vorbildlichen Umsetzungen für die innovative Wiederverwendung bestehender Bausubstanz und für Circular-City-Konzepte sucht, kommt an der jüngeren, in den Hochschulen des Landes generell gut ausgebildeten Brüsseler, Antwerpener und Genter Architektengeneration nicht vorbei. Praktische Grundlage für ihr Knowhow mögen die bürgerlichen Eliten sein, die als private Auftraggeber ihre Wohnbauten umbauen lassen. Ein anderer Grund dürfte der in Belgien immer schon ausgeprägte Sinn für Bricolage und für surrealistische Assemblagen sein. Auch der bescheidenen Ästhetik einer in die Jahre gekommenen Moderne wird eine Chance gegeben. Man begegnet selbst der Hässlichkeit mit Lässigkeit.
„Embrace the ugly“, sagt Kristiaan Borret mit Blick auf die jüngere Stadtgeschichte und schlägt sich wegen der grauen Energie und des ökologischen Potenzials auch auf die Seite der unansehnlichen Hinterlassenschaften der Brüsseler Postmoderne. Pastellfarbene Bürotürme der 1970er Jahre werden auf ihr Umbaupotenzial für Wohnbauten untersucht. In umgebauten Bürohochhäusern wie dem Hotel Hoxton oder dem World Trade Center kommen häufig auch wiederverwendete Interieurs zum Einsatz.
Manche erinnern sich an den Paukenschlag, den das junge Brüsseler Architektenteam ROTOR mit seiner Ausstellung auf der Biennale in Venedig 2010 auslöste, als im belgischen Pavillon hölzerne Treppenstücke und ein gebrauchter roter Teppich wie Kunstwerke an die Wand genagelt waren. ROTOR ist in Belgien Vorreiter für den selbstverständlichen Kreislauf von Abbruchmaterialien geworden. Heute gibt es Dutzende von Architekturbüros, die die Methode einer unmittelbaren Aufbereitung der Baustoffe vor Ort perfektionieren. Die Selbstverständlichkeit und Schnelligkeit, mit der etwa die Architektinnen von AgwA das Bürogebäude eines Pharmaherstellers in eine Schule transformiert haben, wäre in Deutschland schon aus rechtlichen Gründen kaum unvorstellbar.
Brüssel als Modell?
Mit seinen Re-Use-Konzepten ist Brüssel auch im europäischen Kontext zu einem Modell geworden. Wie bei Paris mit seiner Wiederaneignung der Straßen als Lebensraum, bei Kopenhagen mit seinen Klimaquartieren, Hamburg mit seinen Stadtteil-Entwicklungskonzepten, Zürich und Wien mit ihren gemeinschaftsbasierten Wohnbauprogrammen ist dafür eine entsprechend langfristig orientierte Architektur- und Stadtentwicklungs-politik notwendig.
Ähnlich einem Reallabor zeigt Brüssel heute, mit welchen Strategien auf der Basis engagierter Pilotkonzepte die Architektur zusammen mit der Landschaftsplanung bei der ökologischen Transformation der Stadt wirksam werden kann. Dies gilt gerade auch dort, wo scheinbar wertlose Resträume und Fragmente der durch die Mobilitätspolitik der 1960er-Jahre zerschnittenen Stadt ein auf den ersten Blick nahezu unüberwindbares Hindernis darstellen. Neugeschaffene Parks wie Tour & Taxis auf einem ehemaligen Industriegelände am Kanal, aber auch Quartierparks wie der Marie-Janson-Square in Saint-Gilles von Paola Viganò auf einem ehemaligen Parkplatz verändern das Bild einer grauen Stadt mit wenig Grün. Büros mit landschaftsplanerischem Schwerpunkt wie Bas Smets und Landinzicht stehen inzwischen weit über die Stadt hinaus für einen innovativen Umgang mit städtischen Zwischenräumen.
Vor dreißig Jahren hätte niemand auf eine Zukunft der belgischen Hauptstadt als lebenswerte Stadt gewettet, weil deren Baupolitik ohne Rücksicht auf Bewohnerinteressen agierte, die Planungsstrategien sich von Gemeinde zu Gemeinde unterschieden und eine koordinierte Planung nicht in Sicht war. Das hat sich geändert, auch wenn die Stadt nach wie vor zu den Metropolen mit der höchsten sozialen Ungleichheit zwischen den verschiedenen Gemeinden zählt4. Was das besonders drängende Thema „Bezahlbares Wohnen“ und die Entwicklung neuer kollektiver Wohntypologien betrifft, ist der Weg in Brüssel noch weit – eine Herausforderung auch für die Wahlperiode eines neuen Bouwmeester oder einer Stadtbaumeisterin.
1 Veröffentlichung von Eurostat, Erhebungszeitraum 2021
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/155734/umfrage/wohneigentumsquoten-in-europa/
2 35 Prozent der Brüsseler Bevölkerung sind nicht-belgisch, während es in Flandern nur 9 Prozent sind (Baromètre social, 2020)
3 Kristiaan Borret: „Den Klempner brauchen wir immer.“ Bauwelt 35, 2016, Seite 40
4 Siehe „Bruxelles Malade“ von Catherine Joie, 2022: https://bxl-malade.medor.coop/

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