Originalton: Ludwig Mies van der Rohe

Die Lohan-Tapes von 1969

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin


Originalton: Ludwig Mies van der Rohe

Die Lohan-Tapes von 1969

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

Gern höre ich sie noch immer, die Schallplatte mit dem Mies-Interview, die die Bauwelt Ende der 60er Jahre herausgebracht hat, anlässlich des Baus der Neuen Nationalgalerie. Etwa zur selben Zeit führte Dirk Lohan, Mies’ Enkel, des Abends lange Gespräche mit schweren Zigarren und noch schwererem Alkohol über das Leben seines Großvaters, und irgendwann kam er auf die Idee, dabei ein Tonband mitlaufen zu lassen, um der Nachwelt diese Erinnerungen des damals schon schwer kranken Mies’ zu überliefern. Leider ist dieser Schatz aus bis heute ungeklärten Gründen verschollen, obwohl er nach dem Tod des Architekten Teil des Nachlasses bildete, der zum MoMA kam. Immerhin ein Fragment davon hat sich in Form einer Abschrift erhalten, und demBerliner Architekturbuchverlag DOM Publishers ist es zu verdanken, dass diese Selbstauskunft Mies van der Rohes, gegeben wenige Wochen vor seinem Ableben, nun der Öffentlichkeit zugänglich wird, herausgegeben und kommentiert von Fritz Neumeyer.
Das Buch ist unbedingt zu empfehlen, auch dem, der die Bauwelt-Schallplatte im Schrank hat. Denn es ist eine andere Form des Gesprächs, ein vertrauter Austausch zwischen Großvater und Enkel, bei dem Mies stellenweise über das schon Bekannte, für die Öffentlichkeit Bestimm­te hinaus Einblick gibt in die Anfänge seiner Karriere, in sein Verständnis von Architekten wie Messel und Palladio, mit deren Werk sich Mies gleich zu Beginn seiner Berliner Jahre vertraut machen konnte, aber auch in sein Verhältnis zu Philipp Johnson und Walter Gropius, ein Aspekt, auf den Neumeyer ausgiebig eingeht in seinem Vorwort, ebenso wie auf das Verhältnis von Mies zu seinen ersten Auftraggebern, dem Ehepaar Riehl. Kostprobe gefällig? Tape an. Lohan: „Und als du jung warst, hast du da zu Hause gelernt oder hast du helfen müssen.“ Mies: „Ich half dann aus Spaß und immer, wenn wir Ferien hatten. Ich erinnere mich noch, dass, wenn der Allerheiligentag kam und alle neue Denkmäler haben wollten, die ganze Familie was getan hat. Ich habe die Schrift gezeichnet, mein Bruder hat sie gehauen und meine Schwestern haben sie angelegt und vergoldet... Alles wurde da leben­-dig gemacht. Es hat uns natürlich nicht viel geholfen, aber es ist wahrscheinlich ein bisschen besser geworden. Und dann kam auch schon der Druck, dass Leute mit Geld in diese Betriebe gingen. Die wurden mehr kaufmännisch geführt und ökonomisch spekuliert. Mein Vater verstand ja davon überhaupt nichts. Der sagte: ,Ich brauche drei Wochen, das zu machen, und es kostet soundsoviel.’ Das war nicht kaufmännisch, kein Gewinn oder irgendetwas, um über eine schlech- te Stunde hinweg zu kommen. Ich erinnere mich noch, dass mein Bruder sich mit meinem Vater oft zankte ... Mein Bruder sagte: ,Menschenskind, das können wir doch schneller machen, da oben, das sieht ja kein Mensch...’ Aber mein Va­ter wollte nichts davon wissen und sagte: ,Ihr seid ja alle schon keine Steinmetze mehr. Seht mal die Kreuzblume auf dem Kölner Dom, die hat auch noch keiner da oben gesehen. Die war für Gott gemacht und gedacht und so weiter.’ Aber es wurde natürlich schwerer und schwerer, bis mein Bruder sich etwas mehr durchsetzte und selbst das Kaufmännische in die Hand nahm.“ Eine der großen Trouvaillen dieses seltsamen Jahres 2020.
Fakten
Autor / Herausgeber Fritz Neumeyer (Hrsg.)
Verlag DOM Publishers, Berlin 2021
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aus Bauwelt 9.2021
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