Die Zeit ist reif für eine Aufarbeitung

Ein Gespräch mit Yusuf Maitama Tuggar, Botschafter von Nigeria in Deutschland, zur Restitution von Kulturgütern seines Landes, zum geplanten Museum in Benin-City und zum Berliner Schloss.

Text: Redecke, Sebastian, Berlin; Mausbach, Therese, Berlin

    Das Gespräch fand am 27. Januar im Sitzungssaal der Botschaft Nigerias statt.
    Foto: Omeh Nwokpoku

    Das Gespräch fand am 27. Januar im Sitzungssaal der Botschaft Nigerias statt.

    Foto: Omeh Nwokpoku

    Yusuf Maitama Tuggar schenkte der Bauwelt ein Buch, das sein Vorgänger Abdul Rimdap verfasst hat. In „Confidence in Diplomacy“ beschreibt Rimdap unter anderem auch einen Besuch des Ethnologischen Museums in Berlin-Dahlem. Mit dem damaligen Leiter Peter-Klaus Schuster war die Diskussion um eine Restitution noch aussichtlos.

    Confidence in Diplomacy
    Defending Nigeria at Home and Abroad
    Von Abdul Rimdap
    424 Seiten, Englisch, Taschenbuch, 14 Euro
    Mereo Books, Cirencester Gloucestershire 2018
    ISBN 978-1861516886

    Yusuf Maitama Tuggar schenkte der Bauwelt ein Buch, das sein Vorgänger Abdul Rimdap verfasst hat. In „Confidence in Diplomacy“ beschreibt Rimdap unter anderem auch einen Besuch des Ethnologischen Museums in Berlin-Dahlem. Mit dem damaligen Leiter Peter-Klaus Schuster war die Diskussion um eine Restitution noch aussichtlos.

    Confidence in Diplomacy
    Defending Nigeria at Home and Abroad
    Von Abdul Rimdap
    424 Seiten, Englisch, Taschenbuch, 14 Euro
    Mereo Books, Cirencester Gloucestershire 2018
    ISBN 978-1861516886

Die Zeit ist reif für eine Aufarbeitung

Ein Gespräch mit Yusuf Maitama Tuggar, Botschafter von Nigeria in Deutschland, zur Restitution von Kulturgütern seines Landes, zum geplanten Museum in Benin-City und zum Berliner Schloss.

Text: Redecke, Sebastian, Berlin; Mausbach, Therese, Berlin

Herr Botschafter, können Sie uns bitte zunächst etwas über die Ursprünge der Benin-Bronzen erzählen?
Die Benin-Bronzen wurden im 16. Jahrhundert von Kunsthandwerkern und geistigen Oberhäuptern des Königreichs Benin angefertigt, ein altes Königreich mit einem reichen kulturellen Erbe im Südwesten von Nigeria. Was macht die Benin-Bronzen so besonders? Man braucht großes Geschick und eine ausgeklügelte Technik, um sie herzustellen. Aber natürlich sind es nicht nur die ästhetischen Qualitäten, die wir bewundern, sondern es geht auch darum, dass viele von ihnen Kultgegenstände waren. Das Königreich Benin hatte seine eigene Religion und der König, Oba von Benin, repräsentierte für das Volk Gott auf Erden. Deshalb werden Sie verstehen, dass die Bronzen eine sehr starke kulturelle Bedeutung für das Volk von Benin haben.
Benin-City liegt in Nigeria, aber ein Land westlich von Nigeria nennt sich ebenfalls Benin. Wie ist das zu erklären?
Während der Unabhängigkeitsbewegung, als die afrikanischen Länder die Kolonisation abschüttelten, beschlossen sie, sich an den großen Königtümern zu orientieren und deren Namen anzunehmen. So wurde Ghana nach dem alten Reich Ghana benannt, das nicht mit dem heutigen Staatsgebiet von Ghana übereinstimmt. Der gleiche Gedanke liegt dem zugrunde, dass sich auch die Republik Benin ihren Namen gegeben hat, weil Benin ein sehr mächtiges Königreich in der Geschichte darstellte. Das Zentrum des Königreichs lag dort, wo sich heute die Hauptstadt Benin-City im Bundesstaat Edo in Nigeria befindet und nicht in der Republik Benin.
Welche Art von Restitution des kulturellen Erbes, besonders der mindestens 440 Benin-Bronzen in Berlin, fordert die Nigerianische Republik von Deutschland? Wie gehen die Gespräche voran?
Nigeria hat seit der Unabhängigkeit 1960 seine Forderung wiederholt, die gestohlenen Objekte aus Europa und anderen Teilen der Welt zurückzuerhalten. Das Königreich Benin wurde zerstört und viele seiner Bewohner von britischen Soldaten ermordet. Der Oba von Benin wurde ins Exil gezwungen. Schon kurz nach dem Massaker 1897 forderte das Volk von Benin, diese Objekte zurück. Es ist also nichts Neues. Wir haben unser Anliegen den deutschen Verantwortlichen vorgetragen und 2019 einen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel und an Monika Grütters, die Staatsministerin für Kultur und Medien, geschrieben. Auf diesen Brief haben wir keine Antwort erhalten. Das Auswärtige Amt akzeptiert für eine Rückgabeforderung offenbar keinen Brief, sondern eine Verbalnote, weshalb ihm nun auch dieses diplomatische Schreiben vorliegt.
Die Restitutionsdebatte wird also schon sehr lange geführt. Denken Sie, dass sie jetzt an einem Höhepunkt angelangt ist?
Das Gute ist, dass es viele Menschen in Deutschland und Europa gibt, die die Restitution unterstützen, weil sie verstehen, dass es sich um abscheuliche Verbrechen von historischer Tragweite handelt. Die Zeit ist reif für eine Aufarbeitung dieser Verbrechen wie das Benin-Massaker und die Plünderung seiner Kunstschätze. Das war kein bloßer Diebstahl, sondern Mord. Es macht einen Unterschied, eine archäologische Ausgrabung zu organisieren, dort Objekte zu finden, sie in die Tasche zu stecken und damit wegzulaufen. Oder zu kommen, auf Menschen zu schießen und Gegenstände gewaltsam zu entwenden. Deshalb ist es wichtig, auch für afrikanische Länder und speziell für Nigeria mit seinen 200 Millionen Menschen − die Hälfte jünger als zwanzig Jahre alt −, dass sie verstehen, was für ein Erbe sie haben. Es geht um Identität, denn wir haben Dekaden der Sklaverei erlitten. Das Demütigende ist, dass viele nicht glauben, Afrikaner seien fähig, Kunstgegenstände wie die Benin-Bronzen, die Ife-Bronzen und die Nok-Terrakotten herzustellen. Die Terrakotten sind vor 2500 Jahren entstanden und bezeugen ein Kunsthandwerk auf hohem Niveau. Es wird behauptet, dass Afrika zurückblieb, weil es keine wissenschaftliche und industrielle Revolution gab. Doch es gab eine fortschrittliche Hochkultur und die­se Stücke sind hierfür der lebende Beweis. Diesen Stolz hat man uns genommen, als viele dieser Gegenstände gestohlen wurden.
Welche Erfahrung haben Sie mit der „Benin Dialogue Group“ gemacht?
Letzten Mittwoch traf ich in Nigeria den derzeitigen Oba von Benin, der diese Initiative kritisierte, denn es geht zu langsam voran und führt zu keinen Ergebnissen. Die vielen Organisationen der Gruppe vertreten nicht den Staat und haben dementsprechend keine Befugnis. Wir repräsentieren die Bundesrepublik Nigeria mit 46 Ländern, denn wir haben ein föderales System wie Deutschland. Wir repräsentieren alle traditionellen Führer wie den Oba von Benin, wir repräsentieren die NGOs, wir repräsentieren Nigeria als Ganzes. Die Benin-Dialog-Gruppe ist dennoch eine gute Entwicklung, weil sie die Aufmerksamkeit auf die Dringlichkeit der Restitution lenkt. Zurzeit ist sie der einzige Kanal für die Forderung nach Restitution.
Sicher ist auch von Bedeutung, dass eine neue Generation sich nun engagiert.
Genau. Außerdem gibt es die „Black Lives Mat­ter“-Bewegung. Die Globalisierung zeigt die Idee auf, Grenzen in Europa und überall auf der Welt zu überwinden. Black Lives Matter hat eine aktuelle Debatte zu Kolonialverbrechen und gestohlenen Kunstgegenständen ausgelöst. Aber es gibt noch einen weiteren Grund: Deutschland hat sich entschieden, ein neues Museum in das wieder errichtete Schloss inmitten von Berlin einzufügen, dem Schauplatz der Kongokonferenz von 1885, die der Aufteilung Afrikas unter dem Schlagwort „Scramble for Africa“ Vorschub leistete. Es kommt nicht von ungefähr, dass das Benin Massaker zwölf Jahre nach dieser Konferenz stattfand. Jetzt ist das Museum mitten in Berlin genau dort, wo die Zerschlagung Afrikas begann und wo diese nun dokumentiert und der Kolonialismus gezeigt werden soll. Natürlich fördert das das Interesse, verdeutlicht, wie wichtig dieses Thema ist und befruchtet Debatten.
Die Benin-Bronzen sollen dort gezeigt werden, wo sie hingehören, also in Nigeria. Denken Sie nicht, dass es eine Option sein könnte, die Benin-Bronzen und andere gestohlene Kunstwerke als Leihgaben von Nigeria an verschiedenen Orten der Welt zu zeigen, die an prominenter Stelle für ein geteiltes Erbe stehen?
Kommt Zeit, kommt Rat. Der erste Schritt muss sein, dass diese Objekte zu dem Volk, dem es gehört, zurückkehren. Nigeria wird der Welt die Werke, auf die wir so stolz sind, nicht vorenthalten. Wir werden die Besucher in Nigeria willkommen heißen, aber das wird uns nicht davon abhalten, selbst auch Museen überall auf der Welt Leihgaben anzubieten. Auf dieselbe Art, wie die Rembrandts, die Matisses, die El Grecos überall auf der Welt ausgeliehen und ausgestellt werden, diese dann aber stets dahin zurückkehren, wo sie hingehören. Das ist unsere Hoffnung.
Wird das neu geplante Museum, „Edo Museum of West African Art“, dessen Entwurf im November 2020 vorgestellt wurde, nur mit diesen Objekten bestückt werden?
Es werden auch andere Objekte gezeigt. Es ist übrigens nicht so, dass all die Objekte derzeit unter guten Bedingungen aufbewahrt werden. Einige Exponate, die nicht ausgestellt sind, werden in Kellern von Museen in Europa und den USA unter schlechten Bedingungen gelagert. In manchen Kellern ist es feucht und kalt. Wenn das Argument kommt, dass Nigeria kein Museum haben wird, das heutigen Ansprüchen genügt, dann antworten wir darauf mit der Frage: „Wie werden diese Objekte woanders aufbewahrt?“ Und zwar die im Depot. Vielleicht gehen die Nigerianer sorgfältiger mit diesen Werken um – ihrer kulturellen, religiösen und spirituellen Bedeutung wegen. Es ist eine gute Entscheidung, in Nigeria ein großes neues Museum zu bauen. Es sollte mehr Museen wie dieses in Afrika geben, denn das ist ein Schritt in die richtige Richtung.
Wie kam der Architekt David Adjaye zu diesem Projekt?
Ich weiß, dass der Oba von Benin den Bau des Museums begrüßt hat und indirekt an dieser Entscheidung beteiligt war.
Wie können wir uns die Umgebung des Museums vorstellen? Liegt es in der Nähe des Königspalastes?
Ja, der Palast des Oba bietet einen angemessenen Rahmen für das Museum. Wenn man die Objekte neben dem großen Königspalast ausstellt, wo die Vorfahren des Oba die Herstellung dieser wunderbaren Objekte überwachten, dann hat man einen anderen Blick darauf.
Wir haben nun verstanden, warum dieses neue Museum nicht in der Hauptstadt gebaut wird, sondern in Benin-City. Jedes Kunstobjekt gehört zu einer bestimmten Region des Landes.
Richtig. Dieses Museum widmet sich dem Thema der gestohlenen Benin-Bronzen. Wendet man sich den Nok-Terrakotten zu, sollte man wissen, dass die Terrakotten aus einem Gebiet namens Nok kommen, das in der Nähe der Hauptstadt Abuja liegt und Teile der Bundesstaaten Koduna und Plateau umfasst. Also wenn man ein Museum für diese Terrakotten möchte, dann würde man es in Abuja bauen. Dasselbe gilt für die Ife-Bronzen. Man sollte ein Museum in Ife, der Wiege der Yoruba Kultur, bauen. Ife liegt in der Nähe von Lagos in Südwest-Nigeria, weshalb es am bes­ten ist, sich diese Skulpturen dort anzuschauen.
Als Kinder haben wir in der Schule nicht viel über die Kolonialzeit erfahren. Sie sollte mehr Raum im Unterricht einnehmen, um ein größeres Bewusstsein dafür zu entwickeln.
Das stimmt. Für Afrika war das eine höchst traumatische Erfahrung. Wie Giambattista Vico sagte „verum ipsum factum“, nur „das Geschaffene ist das Wahre“. Wenn es nicht geschaffen wurde, dann existiert es nicht und ist nicht real. Wenn man also dem Volk die Kultur wegnimmt, nimmt man ihm das weg, was real ist für das Volk. Das ist das, was der Kolonialismus gemacht hat. Wir brauchen ein Nationalbewusstsein und um das zu entwickeln, brauchen wir diese Objekte wie die Benin-Bronzen, um sie unserer jungen Bevölkerung zu zeigen, damit sie stolz darauf sein kann. Wir sind ein großes Land mit über 300 verschiedenen Sprachen. Wir müssen zeigen: Bevor dieses Land von Außenstehenden zu Nigeria erklärt wurde, hatten wir schon etwas, das uns einte.
Nigeria hat eine neue Hauptstadt. Soweit ich weiß, wurde Abuja in den 70er Jahren vom japanischen Architekten Kenzo Tange entworfen. Was halten Sie von dieser Hauptstadtplanung? Denken Sie, die Stadtentwicklung ist seitdem gelungen oder würden Sie etwas ändern, auch weil diese erste Grundstruktur bereits 50 Jahre alt ist?
Abuja wurde, genau wie Brasília, als Bundeshauptstadt im geografischen Zentrum Nigerias geplant und mehr oder weniger von Deutschen gebaut. Bilfinger Berger gehört zu den bekannteren Unternehmen, die Abuja errichtet haben. Ich halte es für einen großen Erfolg, dass Abuja Hauptstadt geworden ist. Stellen Sie sich vor, Lagos wäre noch immer Hauptstadt, eine Stadt mit heute zwanzig Millionen Einwohnern mit vielen Lagunen und anderen Wasserflächen und daher wenig Erweiterungspotenzial. Deshalb wurde die Entscheidung getroffen, die Hauptstadt Nigerias in die Landesmitte zu verlegen. Sie hat ein Ringstraßensystem mit breiten Straßen. Es ist ein Meisterwerk, weil es die Einheit Nigerias symbolisiert. Wir sind stolz auf Abuja.

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