Wie schreibt man dieses großartige Gebilde fort?

Ein Gespräch mit Johannes Peter Hölzinger über sein Projekt für den Sprudel­hof in Bad Nauheim, Stadt- und Landschaftsräume, die ihn beeinflusst haben, ­seine Idee der Stadtpartitur und Scheitern in Zeiten von Fakenews und Populismus

Text: Förster, Yorck, Frankfurt am Main; Friedrich, Jan, Berlin

    Johannes Peter Hölzinger auf der Treppe des Spru­delbeckens, August 2021
    Foto: Norbert Miguletz

    Johannes Peter Hölzinger auf der Treppe des Spru­delbeckens, August 2021

    Foto: Norbert Miguletz

    Eine bogenförmige Wohnbebauung aus aufgeständerten Maisonetten hätte dem Sprudelhof an seiner Ostseite (das Modellfoto ist genordet) eine neue Fassung geben.
    Abb.: Johannes Peter Hölzinger

    Eine bogenförmige Wohnbebauung aus aufgeständerten Maisonetten hätte dem Sprudelhof an seiner Ostseite (das Modellfoto ist genordet) eine neue Fassung geben.

    Abb.: Johannes Peter Hölzinger

    Mit dem Verkauf der Wohnungen sollte der Bau einer Tiefgarage in der Böschung des leicht ansteigenden Geländes finanziert werden.
    Abb.: Johannes Peter Hölzinger

    Mit dem Verkauf der Wohnungen sollte der Bau einer Tiefgarage in der Böschung des leicht ansteigenden Geländes finanziert werden.

    Abb.: Johannes Peter Hölzinger

    In Hölzingers „Partiturplan“ für den Sprudelhof sind wichtige Raumkanten, Blickachsen, übergreifende Bezüge, Hinführungen etc. grafisch markiert.
    Abb.: Johannes Peter Hölzinger

    In Hölzingers „Partiturplan“ für den Sprudelhof sind wichtige Raumkanten, Blickachsen, übergreifende Bezüge, Hinführungen etc. grafisch markiert.

    Abb.: Johannes Peter Hölzinger

    Vi­sualisierungen der Wohnbebauung mit den Passagen im Erdgeschoss ...
    Abb.: Johannes Peter Hölzinger

    Vi­sualisierungen der Wohnbebauung mit den Passagen im Erdgeschoss ...

    Abb.: Johannes Peter Hölzinger

    ... und eines Thermenneubaus anstelle der abgerissenen Therme aus den Siebzigern.
    Abb.: Johannes Peter Hölzinger

    ... und eines Thermenneubaus anstelle der abgerissenen Therme aus den Siebzigern.

    Abb.: Johannes Peter Hölzinger

Wie schreibt man dieses großartige Gebilde fort?

Ein Gespräch mit Johannes Peter Hölzinger über sein Projekt für den Sprudel­hof in Bad Nauheim, Stadt- und Landschaftsräume, die ihn beeinflusst haben, ­seine Idee der Stadtpartitur und Scheitern in Zeiten von Fakenews und Populismus

Text: Förster, Yorck, Frankfurt am Main; Friedrich, Jan, Berlin

Der Sprudelhof in Bad Nauheim gilt als das größte geschlossene Jugendstilensemble Europas. Die hofähnliche Kuranlage am östlichen Rand des Kurparks – sechs Badehäu­ser mit Wartesälen und 264 Badezellen sowie zwei Verwaltungsgebäude –, deren Zentrum das Sprudelbecken bildet, entstand zwischen 1905 und 1912 unter der Leitung des Großherzoglichen Regierungsbauinspektors Wilhelm Jost. Doch die Zeiten der mondänen Kurstadt Bad Nauheim sind lange vorbei. Die Anlage, seit 2009 im Eigentum der „Stiftung Sprudelhof“, die vom Land Hessen, dem Landkreis Wetterau und der Stadt Bad Nauheim getragen wird, ist sanierungsbedürftig. Perspektivisch soll sich der Sprudelhof als Gesundheits- und Kulturzentrum selbst tragen. Für die Ansiedlung von Dienstleistungen aus der Gesundheitsbranche werden im Umfeld aber zusätzliche PKW-Stellplätze benötigt. Ein marodes Thermalbad, 1972 nördlich vom Sprudelhof gebaut, wurde kürzlich abgerissen und soll durch einen Neubau ersetzt werden. Johannes Peter Hölzinger entwarf ein Gesamtkonzept zur Weiterentwicklung des Sprudelhofs. Der Clou dabei: eine bogenförmige Wohnbebauung, die den Sprudelhof im Osten neu gefasst und mit deren Verkauf sich eine Tiefgarage unter Grünterrassen hätte finanzieren lassen.
Das Besondere an Ihrem Konzept für den Sprudelhof war ja der Versuch, eine Geschlossenheit von historischer und neuer Planung zu realisieren, bei der sich die Dinge stimmig auf­einander beziehen. Eine Art von Projekt, das es heute nur noch selten gibt.
Die Frage war: Wie schreibt man dieses großartige Gebilde des Sprudelhofs in die Zukunft fort? Mir ging es immer schon darum, nicht Tabula rasa zu machen, sondern Dinge weiterzuentwickeln, aus der Situation, aus dem Kontext. Und so kam ich auch beim Sprudelhof schnell zu meinen Methoden der Stadtpartitur: Ich schaue, welche Blickbeziehungen gibt es, welche Blickachsen, wie ist das Raumgefüge? Es gibt den großen Arkadenhof, der sich verengt und dann noch einmal einen „kleinen Innenraum“ bildet, bevor die große Freitreppe hoch in die Achse Bahnhof–Johannisberg führt. Und oben am Bogen, den die Ludwigstraße beschreibt, stehen die beiden Verwaltungsbauten, die mit einem Mal nach außen weisen. Das führte bei mir zu der Idee, dieses Nach-Außen aufzugreifen, die Anlage nach außen zu ergänzen und dem Sprudelhof auf diese Weise eine neue Fassung zu geben.
Sie haben eben die Stadtpartitur erwähnt. Zum Verständnis: Sie meinen damit ein System von Verweisen der Teile aufeinander in volumetrischer und visueller Hinsicht, das dann im Fall des Sprudelhofs in einem Bezug steht zu der gegebenen Jugendstilarchitektur.
Was nehme ich auf aus dem Vorhandenen? Wie führe ich es weiter? Wenn ich diese Fragen beantworte, entsteht ein Geflecht, eine Partitur von Beziehungen untereinander, die sich fortsetzen. Das bedeutet für mich: Ein Bauteil eines Komplexes hört nicht einfach auf – und dann gibt es nichts mehr –, sondern der Bauteil ist schon an seinem Ende so angelegt, dass er quasi auf den nächsten und dessen Gestaltung überspringt. Auf diese Weise ordnen sich unterschiedliche Dinge wieder zu einem Gesamtkomplex, in dem alle Teile, so unterschiedlich sie sind, etwas miteinander zu tun haben. Das bedingt, dass man auf die Architektur des Sprudelhofs eingeht, dass man Merkmale des Sprudelhofs wie zum Beispiel die Arkaden übernimmt – aber selbstverständlich mit einem absolut heutigen Architekturausdruck.
Der Sprudelhof ist die große Architektur in Bad Nauheim, mit der Sie von klein auf vertraut sind. Die Gliederung der Räume, die Durchlässigkeit der Anlage – hat Sie diese Form von Sequenzen von Architektur, ob bewusst oder unbewusst, beeinflusst?
Vermutlich schon. So etwas wie diese städtebau­lichen Achsen in Bad Nauheim, Bahnhofsallee–Johannisberg, und andere Bezüge, wie etwa dassdie Dachkontur der Sprudelhofbauten die Basis für ein Oktogon bilden, das übergreifend vom Sprudelhof mit dem Dach des Johannisbergcafés entsteht, in dem dann im Zentrum die Sprudelbecken sitzen – das sind Dinge, die habe ich natürlich schon als Kind aufgenommen, vielleicht ohne mir dessen bewusst zu sein.
Aufgewachsen bin ich in einem Geschäftshaus einer Baufirma, einem Jugendstilhaus – ein Doppelhaus, das verbunden ist mit einem großen Torbogen, der dann wieder in die Dachlinie beider Häuser überschwingt. Später haben wir im ehemaligen Hotel Europäischer Hof gewohnt, einem Jahrhundertwendebau mit hohen Räumen, mit Stuckdecke und Doppeltüren und so weiter, mit Raumfluchten, wo der eine Raum in den anderen übergeht.
Das sind Dinge, die könnte man, wenn man will, in Ihren Arbeiten wiederfinden
…das könnte man. Die Landschaft hier kommt hinzu, mit ihren Schwingungen. Wie die topografischen Wellen aus dem Vogelsberg und aus dem Taunus diese Landschaft formen – ein großes Landschaftsrelief, in dem man von bestimmten Punkten aus bestimmte Blickachsen hat. Und dann stellt sich die Frage: Wie sieht eine Bauform aus, die zu diesen Landschaftsformen passt. Damit sind wir beim Wohnhaus im Höhenweg oder beim evangelischen Gemeindezentrum Friedberg. Da spielen zudem Dinge wie der Raumbegriff eine Rolle, der sich bei mir geändert hat: vom Skulpturalen zum Offenen.
Und die klimatischen Bedingungen spielen eine Rolle. Bei Reisen in den Süden merkte ich, dass das Licht dort Architektur ganz anders zur Erscheinung bringt als hier. Ich sage immer: Ein kleiner Kubus mit einer kleinen Apsis, weiß angestrichen, ist eine Sensation in Griechenland oder in Süditalien, hier ist das eine trübe Kiste. Bei einem Gebirge in Griechenland sehe ich auf 40 Kilometer Entfernung deutlich jeden Stein. Hier ist der erste Berg deutlich, der zweite weniger, der nächste noch weniger und so weiter; Atmosphä­re sickert ein. Das führte bei mir zu dem Gedanken der Schichtung – dass Schichtungen unse­re bildnerischen Mittel sein müssten, nicht die skulpturalen Erscheinungen der Südländer.
Sie haben das Sprudelhofprojekt in einer unglaublichen Tiefe bearbeitet, es gibt über hundert Zeichnungen bis hin zu Grundrissen der Maisonettewohnungen und detaillierten Studien zur Verbindung von Thermenneubau, Ho­tel und Sprudelhof. Gleichwohl haben Sie das nie als Ihr Architekturprojekt verstanden, sondern als städtebauliches Gesamtkonzept.
Bauen wollte ich selbst da gar nichts. Die Idee war, dass die gründlich durchdiskutierten und tragfähigen Ergebnisse aus meinen Überlegungen Grundlage sein würden für jeweilige Wett­bewerbe. Zunächst für die neue Therme, deren Betreiber dann mit einem Investor für das Ho­-tel zusammengespannt werden sollte. Gewisse Grundlagen aus dem Partiturgedanken, zu dem ich einen Partiturplan erstellt habe, hätten dabei beachtet werden sollen.
Und genauso war es mit der Wohnbebauung und den Tiefgaragen geplant, ein kombinierter Wettbewerb für Architekten und Investoren. Die hätten aber nicht mit ihren vorgefertigten Konzepten kommen sollen, sondern sich einlassen müssen auf jene Eigenschaften, die dann letzten Endes aus meiner Planung in die Ausschreibung übernommen worden wären.
Ihr Konzept fand eine Riesenzustimmung. Fast hundert Prozent der Stadtverordneten waren für das Projekt. Die Stiftung Sprudelhof, Eigentümerin des Komplexes, war begeistert. Der Denkmalschutz ebenfalls. Irgendwann ist die Stimmung dann aber vollständig gekippt.
Es gab einen Mann, der gegenüber der geplanten Wohnbebauung lebt und dem nicht passte, dass dort so etwas geschehen sollte. Der fand Mitstreiter, eine Bürgerinitiative wurde gegründet, und dann wurde mit Online-Petitionen, Plakataktionen, Infoständen in der Fußgänger­zone, Flyern und Unterschriftenlisten gegen die Wohnbebauung polemisiert.
Schließlich hat die Initiative etwas wirklich Rabiates gemacht: Sie haben meine Architektur umgezeichnet. Meine offene, durchlässige Bebauung, die Passagen im Erdgeschoss, durch die man auf die öffentlichen Grünterrassen gelangt wäre, haben sie in ihrer Zeichnung schwarz gefärbt und nannten sie: Tunnel. Aus meiner architektonischen Gliederung haben sie etwas gemacht, das aussah wie ein Gefängnis. Und sie nannten es: Reihenhausbebauung.
Der Slogan dazu lautete: „Der Sprudelhof wird eingemauert!“ ...
... später dann: „eingesargt!“. Mit diesen Begriffen und den falschen Darstellungen, in ständiger Wiederholung, brachte die Initiative eine Unterschriftensammlung zustande, die irgendwann eine Größenordnung annahm, die die Stadtverordneten der Reihe nach zum Umfallen brach­te. Und weg war die Wohnbebauung. Damit kippte auch das Gesamtkonzept, denn die Tiefga­ragen unter den Grünterrassen sollten ja durch den Verkauf der Maisonettewohnungen finanziert werden.
Kommen wir noch einmal auf die Idee der Par­titur zurück, die eine zentrale Rolle bei dem Projekt spielt. Sie haben solche Stadtpartituren schon früher geschrieben. Für Frankfurt am Main etwa schlugen Sie eine Reihe von Hochhäusern zur Stadtraumbildung vor. Was interessant ist: Bei der Hochhausplanung ist der ästhetische Gesamtzusammenhang üblicherwei­-se das allerletzte, woran gedacht wird – und genau von dort ging Ihre Planung aus.
In der Tat, bei den Hochhäusern, die in Frankfurt gebaut wurden, gibt es keine übergreifende ästhetische Idee zur Wahrnehmung im Stadtraum. Der Partiturgedanke wäre in diesem Zusammenhang eben auch das Planungsinstrument gewesen, das einerseits ermöglicht, die ästhetisch-räumliche Sichtweise einzubringen, andererseits offenlässt, wie sie genau realisiert wird und von wem. Bebauungspläne sind ja im Grunde in dem Moment, in dem sie beschlossen werden, überholt. Weil sich in der Öffentlichkeit bis zu diesem Zeitpunkt bereits vieles anders entwickelt hat.
Das war damals der Anlass für die Idee der Stadtpartitur – allein mit grafischen Zeichen zu definieren: Hier muss eine Blickachse offengehalten, hier eine Torsituation geschaffen werden und so weiter. Die grafischen Zeichen sagen nur, dass ich all diese Dinge beachten soll, nicht aber wie ich es mache: Ob ich, um eine Torsituation zu schaffen, zwei Hochhäuser oder andere Solitäre baue, Bäume pflanze oder ein Kunstobjekt aufstelle. Wenn man eine solche Partitur übergreifend für eine Stadt hätte, könnte man von Anfang an sagen: Hier kann ich sinnvoll etwas entwickeln, dort lasse ich besser die Finger davon.
Fakten
Architekten Hölzinger, Johannes Peter, Bad Nauheim
aus Bauwelt 18.2021
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