Eine Architektur, die vorschreibt, wie ich zu funktionieren habe, ist mir zuwider

Gespräch mit Dietmar Eberle

Text: Aicher, Florian, Leutkirch

    Foto: archphoto/EH + IL

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Dietmar Eberle geb. 1952. Architekturstudium an der TU Wien. 1999–2015 Professor für Architektur und Entwerfen an der ETH Zürich. Das Büro hat mit mehreren Partnern 13 Standorte in Europa und Asien
Foto: Baumschlager Eberle

Dietmar Eberle geb. 1952. Architekturstudium an der TU Wien. 1999–2015 Professor für Architektur und Entwerfen an der ETH Zürich. Das Büro hat mit mehreren Partnern 13 Standorte in Europa und Asien

Foto: Baumschlager Eberle


Eine Architektur, die vorschreibt, wie ich zu funktionieren habe, ist mir zuwider

Gespräch mit Dietmar Eberle

Text: Aicher, Florian, Leutkirch

In der Bauwelt 44.2013 schrieb Florian Aicher zum Büroge­bäude 2226 in Lustenau: „Eberle wäre nicht Eberle, wenn er es beim Wort belassen hätte. Er hat gebaut – elementar, Stein auf Stein, ein Haus ohne Technik. Ein Kubus von 24 x 24 x 24 Metern, tragende Außenwände, im Innern vier um ein offenes Zentrum versetzte, gemauerte Körper für Treppen, Lift, Nebenräume; vorgespannte Stahlbetondecken über maximal zehn Meter, die zum Himmel und zur Erde gedämmt sind. Es gibt keine Heizung, keine Kühlung, keine mechanische Lüftung. Die Wand macht’s: Eine monolithische Außenwand aus 75 Zentimeter Ziegel, innen wie außen verputzt mit reinem Kalk von der Kanisfluh (einem Berg im Bregenzer Wald), mit Fenstern in nur einem Format. Feststehend dreifachverglast in Rahmen aus Massivholz, reichen sie von einer Brüstung auf Sitzhöhe bis unter die Decke und in der Breite von linker zu rechter Fingerspitze der aus­gestreckten Arme. In regelmäßigem Rhythmus wechseln sie mit Mauerscheiben von anderthalbfachem Maß.“ Nun ergab sich ein Gespräch des Autors mit Dietmar Eberle.
Vor zehn Jahren wurde mit dem Bau des Bürogebäudes 2226 begonnen, 2013 wurde es bezogen. Welche Erfahrungen wurden gemacht?
Nach anfänglicher Anfeindung wurde in den ersten Jahren intensiv beobachtet, gemessen, dokumentiert, publiziert. Bei der Steuerung wurde einiges adaptiert. Das Verständnis hat sich vertieft, noch immer wird jeder Tag dokumentiert. Dann kam eine Phase, in der im näheren Umfeld, in Emmen, Lingenau und Dornbirn, Bauten dieser Art errichtet wurden. Jetzt erweitert sich der Ausgriff mit Projekten in ganz Österreich, der Schweiz, in Frankreich und Deutschland.
Der Impuls für diese Bauform war – daran haben Sie in der Auseinandersetzung mit dem damaligen energiesparenden Bauen nie einen Zweifel gelassen: Der Nutzer zuerst!
Daran hat sich nichts geändert. 2226 erhöht das Komfortniveau des Nutzers durch angenehme Temperaturen, Luftfeuchtigkeit und CO2-Werte in Relation zur Außentemperatur, was besser gelingt als bei mechanisch belüfteten Gebäuden. Dazu kommt eine hohe Tageslicht-Qualität in Einklang mit der Architektur. Das heißt: Solide bauen soweit möglich und technische Hardware durch das Wissen vom Bauen ersetzen.
Ist 2226 ein Gegenmodell zum technikzentrierten Bauen?
Wir haben uns mit der Frage auseinandergesetzt,inwiefern technische Installation sich vom Mit­tel zum Selbstzweck wandelt und den Nutzer überfordert. Technische Kontrolle setzt ein norma­tives Verhalten voraus, das allen Berechnungen zugrunde liegt. Wir haben die Idee eines statis­tischen Nutzers ersetzt durch das Selbstbestimmungsrecht des Nutzers. Nichts soll konditioniert werden, bei dem der Nutzer konditioniert wird, weil er sich der Gebäudetechnik zu unterwerfen hat. Der größtmögliche Einfluss auf seine ganz persönliche Umgebung – darum geht es.
Der Mensch soll seine Souveränität im Umgang mit der Technik nicht aufgeben. Viele Techno­logien ermöglichen das nicht, der Mensch wird zum „Experten“. Nicht Rationalisierung, Optimierung, Effizienz sollen den Menschen beherrschen. Selbstverständlich, eher beiläufig, soll ihm das Haus dienen und Wohlbehagen bereiten.
Der Hausbau ist also gefragt. Authentisches Material, klassische Proportion, skulpturale Tiefe bilanziert Jürgen Stoppel, seit Jahren Projektarchitekt der 2226-Bauten. Sind es architekto­nische Kriterien, die klimagerechtes Bauen ermöglichen?
Architektonische Selbstverständlichkeit ist es, die solches Bauen braucht. Das verschafft dem Einzelnen Interpretationsspielraum. Nichts ist mirmehr zuwider als eine Architektur, die mir vorschreibt, wie ich zu funktionieren habe.
Selbstverständlichkeit definieren Sie als ständigen Dialog mit dem Kontext.
Ich muss das Umfeld wie den Nutzer ernst nehmen, um solche Spielräume zu bieten, ohne die es keine Akzeptanz gibt. Der beachtliche Mix ist ein Indiz dafür: Großbüro, kleine Büros, Arztpraxen, Kunstgalerie, Restaurant. Diese Architektur ist offen für Interpretation.
Die Folgeprojekte zeigen: Diese Bauart verträgt sich mit wechselnden Kontexten – weil sie gebräuchliches Bauen fortführt.
Im 20. Jahrhundert wurde postuliert: Funktion prägt das Gebäude. Im 21. wird gelten: Kontext führt zum Gebauten. Es lebt vom Dialog mit dem Kontext einschließlich der Nutzer. Unsere Bauten haben keinen „2226-Stil“; sie entstehen in der Auseinandersetzung mit der Eigenart des Ortes.
Ernstgenommen wird der Nutzer auch, wenn festgestellt wird: Er bringt Energie ins Haus.
Menschen sind Teil des Klimasystems – der wichtigste. 2226 reagiert weniger auf Außenfaktoren als auf Spuren, der Nutzer: Körperwärme, Feuchtigkeit, die Abwärme seiner Artefakte.
Damit wird das Reaktionsvermögen der Baustoffe relevant.
Üblicherweise kompensiert Technik, was Architektur und Nutzer anrichten. Wir denken andersrum: Der Bau soll wieder leisten, was an Technik delegiert wurde. Das Bauwerk selbst rea­giert durch Speicherfähigkeit, Puffer, Austausch, Ausgewogenheit.
2226 ist massives Bauen, im Fall des Bürogebäudes in Lustenau mit einem so geringen Glasanteil der Außenwände, dass man dies für ein Alleinstellungsmerkmal nahm.
Dabei ist der Glasanteil in Relation zur Raumdimension sowie zum Ort zu setzen. Heute wird in Hinblick auf die Energiebilanz zuviel Glas verbaut. Masse und Wärmekapazität kommen zu kurz.
Wir sprachen vom Bürogebäude; wie verhält es sich beim Wohnen?
Man muss von weniger Belegung ausgehen, entsprechend weniger von Abwärme, auch bei Ge­räten. Reicht im Bürogebäude die Beleuchtung als Backup (Notfall)-System, so haben wir im Wohnbau zusätzlich Infrarot-Heizflächen eingebaut; die springen schnell an und heben, wenn nötig, die Temperatur der Baumasse.
Der Haustechniker, der dieses reine Wohnhaus betreut, gibt die gesamten Stromkosten ei­-ner Wohnung mit 30 Euro pro Monat an, das ist etwa ein Viertel des heute Üblichen.
Beachtlich, wenn man bedenkt, dass keine „Heizung“ anfällt und die PV-Anlage und Batterie noch abgestimmt werden. Derzeit entwickeln wir die Integration des Backups in die Brauchwasserbereitung. Entscheidend ist: Habe ich die Energie zur Verfügung, wenn ich sie brauche. Beim regenerativen Strom ist das noch nicht
befriedigend beantwortet. Die Antwort von 2226: das Haus selbst zum Energiespeicher machen,
zu einer Wärmebatterie. Volumen, Raum, Mate­rial sind die entscheidenden Faktoren.
Vor zehn Jahren gab es heftig Gegenwind; die ganze Theorie schien dagegen zu stehen. Entscheidend war dann der Schritt in die Empirie. Natürlich wurde an der ETH Zürich genau gerechnet. Und doch: Ohne diesen Schritt würde noch heute debattiert.
Wir haben über Jahre festgestellt, dass die Berechnungen nie mit den tatsächlichen Verbräuchen übereinstimmen. Darauf hatte die Theorie natürlich eine Antwort: Der Nutzer. Der verhält sich falsch. So dreht man sich im Kreis. Einen Ausbruch versprachen nur Praxis und Empirie.
Der Mut zu diesem Schritt rührte vom Wissen über die Fehlerhaftigkeit von Berechnungen von begrenzter Gültigkeit, wie sie noch heute üblich sind. Die Praxis des gebauten Objekts war nötig, um unsere Methode empirisch zu prüfen. Die Annahmen wurden bestätigt. Und es gibt neue Einsichten. Wir reden zu viel vom physikalischen Verhalten des Gebäudes, wo es um den jeweiligen Raum geht. Da hinterlässt der Nutzer seine Spuren. Um zu reagieren ist dezentrale Software nötig im Gegensatz zu zentralen Systemen. Wir steuern 2226 vollkommen dezentral.
Mit einem ganz einfachen Mechanismus – salopp formuliert: Fenster auf und frische Luft.
Wie haben uns die letzten anderthalb Jahre bestätigt: Frische Außenluft schlägt mechanische Lüftung! Eine Architektur hoher Wärmekapazi­-tät erlaubt eine Balance mit spontanem Verhalten. Das zeigt die Selbstverständlichkeit jahrhundertealter empirischer Bauerfahrung. Wenn man verstehen will, warum robuste Bautypen brauchbar sind, dann sind das Wissen um die Gebräuchlichkeit am Ort, die Bautechniken, die Baustoffe gefragt – kulturelle Aspekte ebenso wie Klima und Ort.
Damit ist angesprochen, was quersteht zum Zeitgeist: Dauer. Bautypologisch sichert sie Nutzungsvielfalt; klimatisch erlaubt Stabilität Spontanität; kulturell fördert Identität Akzeptanz. In Ihrer Lehre an der ETH Zürich spielte Dauer eine zentrale Rolle.
Zwei Qualitäten sind wesentlich. Zum einen die Kultur von Orten, an denen Menschen aufwachsen, sich wohl fühlen. Zum andern, was unter demStichwort graue Energie diskutiert wird. Dabei wird mit der Festlegung auf 50 Jahre ein ähnlicher Fehler wie vor Jahren gemacht, als nur der K-Wert galt. Da sind wirtschaftliche Interessen unübersehbar. Wenigstens die Wissenschaft soll­te diesen Unsinn nicht mitmachen. Nachhaltig ist ein Gebäude von 100 Jahren Dauer.
Energiesparen, CO2 senken – Vorarlberg ist da seit 40 Jahren wegweisend. Und doch muss man feststellen: In den letzten 50 Jahren ist aus der 2000 Watt- die 8000 Watt-Gesellschaft
geworden.
Technokratischer Verblendungszusammenhang?
CO2 einsparen ist rational, ebenso die Absicht, dies zu tun. Krisen, die sich technischen Systemen verdanken, alleine durch technische Systeme beheben zu wollen, ist es nicht. Im Bauwesen beträgt die Lebensdauer technischer Ausstattung 15 Jahre. Wie man mit Dingen, die nach 15 Jahren ausgetauscht werden müssen, die Welt retten soll, konnte mir noch niemand erklären. Im Haus 2226 muss man in 100 Jahren nichts austauschen. Um die Integration gesellschaftlicher, ökonomischer, kultureller und gestalterischer Aspekte wird man nicht herumkommen. Man muss die gesamten Zusammenhänge begreifen und differenzierter diskutieren.
Auch da ist das Land vorn; die heftigsten Kontrahenten von einst haben ein Einsehen.
Die Diskussion ist heute rationaler. Auf politischer Ebene unterstützen die Förderbestimmungen nun das Konzept 2226; sein Beitrag zur CO2 Einsparung wurde wissenschaftlich offiziell bestätigt.
Und die Reaktion in Deutschland?
Es gibt großes Interesse. Gerhard Hausladen sagte mir, wir wüssten gar nicht, wie sehr wir die Diskussion verändert hätten. Allein, es fehlt dort der Mut. So ein Projekt im Konflikt mit herrschenden Interessen in Industrie, Politik und Verwaltung durchzustehen, ist kaum zu erkennen.
Fakten
Architekten Eberle, Dietmar, Lustenau
aus Bauwelt 22.2021
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