Lokales und Globales verbinden

Ein Interview mit Barbara Engelhardt, Intendantin des Straßburger Theaters Maillon. Mit großem Elan will sie das künstlerische Profil des Hauses weiter schärfen. Die Architektur bietet für sie alle Voraussetzungen.

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

    Seit 2017 ist Barabara Engelhardt die neue Intendantin in Straßburg.
    Foto: Alexander Schlub

    Seit 2017 ist Barabara Engelhardt die neue Intendantin in Straßburg.

    Foto: Alexander Schlub

    Kantine ...
    Foto: Charly Broyez

    Kantine ...

    Foto: Charly Broyez

    ... und Kostümpflege im 1. Obergeschoss.
    Foto: Charly Broyez

    ... und Kostümpflege im 1. Obergeschoss.

    Foto: Charly Broyez

    Das Foyer mit der Möbelserie „Make A“.
    Foto: Sebastian Redecke

    Das Foyer mit der Möbelserie „Make A“.

    Foto: Sebastian Redecke

Lokales und Globales verbinden

Ein Interview mit Barbara Engelhardt, Intendantin des Straßburger Theaters Maillon. Mit großem Elan will sie das künstlerische Profil des Hauses weiter schärfen. Die Architektur bietet für sie alle Voraussetzungen.

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

Welche Ziele haben Sie sich als Intendantin des Maillon in Straßburg gesetzt?
Städtische Theater in Frankreich, wie das Maillon, sind nicht mit deutschen Stadttheatern vergleichbar: Ohne feste Ensembles vor Ort entsprechen sie Gastspielhäusern, die nur punktuell eigene Produktionen im Haus proben und zur Uraufführung bringen können. Das Maillon hat sich mit seinem dezidiert europäischen, pluridisziplinären Programm ein international anerkanntes künstlerisches Profil geschaffen. Gleichzeitig kann ich persönlich mir aber ein Theater ohne ein enges Zusammenarbeiten mit Künstlern, ohne deren Bezugnahme auf ein gesellschaftliches Umfeld und ein konkretes Publikum nicht vorstellen. Ich versuche also, verschiedene Systeme und Arbeitsweisen zusammenzuführen, Lokales und Globales zu verbinden. Theater findet dadurch bei uns nicht nur auf der Bühne statt, sondern auch in unterschiedlichen Formen von Begegnungen und Auseinandersetzungen, die den Blick auf Kunst und Gesellschaft zu weiten versuchen.
Warum bezeichnet sich das Haus als Scène Européenne?
Das Maillon in Sichtweite zum Europäischen Parlament ist Teil einer geschichtsträchtigen und interkulturellen Grenzregion, unser Publikum spricht viele Sprachen. Es liegt für mich nahe, dass wir uns in diesem Kontext die Frage nach einem kulturellen Europa jenseits wirtschaftlicher Realpolitik und administrativer Regelungen stellen. Die Vielsprachigkeit auf der Bühne, die Vielseitigkeit von Sichtweisen und Herangehensweisen von europäischen Künstlern legen Unterschiede, auch Widersprüche offen. Genau darin liegt für mich der Reichtum einer Europäischen Bühne: die große Spannbreite von Kunst und Diskursen aufzuzeigen, die Europas Geschichte, seine politische Kultur und heterogene Gesellschaft ausloten, ohne den lokalen Zusammenhang aus dem Auge zu verlieren.
Auf welche Produktionen freuen Sie sich besonders in der ersten Spielzeit 2019/2020?
Im neuen Haus haben wir uns vorgenommen, mit möglichst verschiedenen Konfigurationen der Räume zu überraschen. Ob als klassisch frontale Saalsituation mit 700 Plätzen, als Arena mit eingebauter Rundtribüne oder als leere Halle mit mobilen bühnentechnischen Elementen: All diese Optionen ermöglichen uns, mit zum Teil immersiven oder partizipativen Formen das Publikum einzubinden. Uns geht es darum, dass sich die Künstler und die Zuschauer das neue Haus in seinen unterschiedlichen Funktionsweisen zu eigen machen. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: In einem Programmschwerpunkt zur Stadtplanungspolitik und zum urbanen Wandel werden wir mit mehreren Aufführungen, Diskussionen und Filmprojektionen das ganze Haus bespielen. Unter anderem zeigen wir auch die Arbeit „Gesellschaftsmodell Großbaustelle“ vonRimini Protokoll in einer französischen Version. Als Gesamtprojekt mit lokalen Bezügen und im Kontext eines neuen Stadtviertels, das zurzeit in direkter Nachbarschaft zum Maillon entsteht, freue ich mich auf diese Produktion.
Die Architektur von LAN sorgt für Aufsehen. Wie sehen Sie das Gebäudekonzept und die Architektursprache?
Die Formsprache des Gebäudes ist von klaren Linien und Kanten, geometrischen Prinzipien und einer beeindruckenden Vertikalität geprägt. Die Materialien – Beton und Glas – wirken glatt und kühl. Dagegen setzt die Kunst des Theaters – zumindest in meinem Verständnis – im Kern auf Ambivalenzen, entzieht sich Geradlinig- und Eindeutigkeiten, lässt Phantasien und Gedanken ausufern und kreisen. Darin liegt ein schöner, symbolischer Kontrast. Aber das architektonische Konzept, das auf das Prinzip „Black Box“ zurückgreift, geht natürlich darüber hinaus: Die Mo­dularität des Gebäudes und seine vielseitige Bespielbarkeit entspricht dem zeitgenössischen Theater in seiner performativen und installativen Vielfalt, in der oft auch das Verhältnis zwischen Akteuren und Zuschauern neu ausgelotet wird.
Welchen Gebäudeteil schätzen Sie besonders?
Darauf hätte ich in einem Jahr sicher eine andere Antwort – denn dann weiß ich alle Gebäudeteile zu schätzen, deren Potenzial wir im Laufe der Jahreszeiten erst entdecken werden: den riesigen, offenen Patio zum Beispiel, der bei Minustemperaturen wenig heimelig ist, aber im Sommer zu einem dritten Spielort werden könnte. Auch die Bar, die in den nächsten Monaten noch zur typischen Maillon-Atmosphäre finden muss, sich aber für Konzerte und Live Acts auch akustisch erstaunlich gut eignet. Schon jetzt bin ich von unserem großen Saal überzeugt, der trotz seiner 700 Plätze und seiner großen Bühne das Geschehen vermeintlich nah an die Zuschauer rückt.
Fakten
Architekten Engelhardt, Barbara, Straßburg
aus Bauwelt 4.2020
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