Alte Mitte, neues Grün

Die Neugestaltung des Rathaus- und Marx-Engel-Forums bezieht klar Stellung gegen eine weitere Rekonstruktion im Berliner Zentrum. Vis-à-Vis dem Humbolt-Forum macht der prä­mierte Wettbewerbs-Entwurf von RMP Stephan Lenzen Tabula rasa.

Text: Lang, Marietta, Berlin

    1. Preis RMP Stephan Lenzen zogen am klarsten einen Schlusstrich unter die Vergangenheit. Ihr Ent­wurf lehnt sich nicht an historische Stadtmuster an.
    Abb.: Verfasser

    1. Preis RMP Stephan Lenzen zogen am klarsten einen Schlusstrich unter die Vergangenheit. Ihr Ent­wurf lehnt sich nicht an historische Stadtmuster an.

    Abb.: Verfasser

    Abb.: Verfasser

    Abb.: Verfasser

    2. Preis Atelier Loidl stärken die Platzränder und stellen „wilder“ Vegetation wie Gräsern, Wald- und Blütenpflanzen Rasen und befestigte Flächen gegenüber.
    Abb.: Verfasser

    2. Preis Atelier Loidl stärken die Platzränder und stellen „wilder“ Vegetation wie Gräsern, Wald- und Blütenpflanzen Rasen und befestigte Flächen gegenüber.

    Abb.: Verfasser

    Abb.: Verfasser

    Abb.: Verfasser

    3. Preis POLA legen ihrem Entwurf das Kreis-Motiv zugrunde. Sie bezeichnen es als selbstbewusstes Pendant zu den Dreiecken der DDR-Bebauung.

    3. Preis POLA legen ihrem Entwurf das Kreis-Motiv zugrunde. Sie bezeichnen es als selbstbewusstes Pendant zu den Dreiecken der DDR-Bebauung.

    Abb.: Verfasser

    Abb.: Verfasser

    4. Preis Sowatorini entwickeln die Fläche in zwei gleichen Streifen. Die Jury diskutierte kontrovers, befand die Struktur aber letztlich als aneignungsoffen.
    Abb.: Verfasser

    4. Preis Sowatorini entwickeln die Fläche in zwei gleichen Streifen. Die Jury diskutierte kontrovers, befand die Struktur aber letztlich als aneignungsoffen.

    Abb.: Verfasser

    Abb.: Verfasser

    Abb.: Verfasser

Alte Mitte, neues Grün

Die Neugestaltung des Rathaus- und Marx-Engel-Forums bezieht klar Stellung gegen eine weitere Rekonstruktion im Berliner Zentrum. Vis-à-Vis dem Humbolt-Forum macht der prä­mierte Wettbewerbs-Entwurf von RMP Stephan Lenzen Tabula rasa.

Text: Lang, Marietta, Berlin

Uneinigkeit spielt bei städtebaulichen oder architektonischen Projekten in der Hauptstadt oft eine tragende Rolle, und so verwundert nicht, dass es auch bei der andauernden Debatte um die Gestaltung des Rathaus- und Marx-Engels-Forums mitunter hitzig zur Sache ging. Nun wur­-de der im Januar durch die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen (SenStadtWohn) ausgelobte Ideen- und Realisierungswettbewerb entschieden – und auch der Siegerentwurf, der ab 2024 umgesetzt werden soll, empfängt nicht nur Applaus.
Prominent gelegen, befindet sich das Areal zwischen Alexanderplatz und Spree in der his­to-rischen Mitte der Hauptstadt. Das Wettbewerbsgebiet umfasst sowohl das Umfeld von Fernsehturm, Rotem Rathaus, Marienkirche und Neptunbrunnen – das sogenannte Rathaus-Forum –, als auch das gegenüber der Spandauer Straße gelegene Marx-Engels-Forum. Allein die Größe dieses zentral gelegenen Areals wäre Herausforderung genug. Dazu noch handelt es sich im historischen Kontext nicht etwa um ein unbeschriebenes Blatt: Gelegen im Gründungskern der Stadt, befanden sich dort bis zum Zweiten Weltkrieg mit dem Heilige-Geist- und Marien-Viertel historische Bürgerhäuser, die durch aliierte Bomber weitestgehend zerstört und im Zuge desHauptstadtausbaus der DDR schließlich abgerissen wurden. Einzig der Höhenunterschied zwischen Marienkirche und Marx-Engels-Forum verweist darauf, dass unter der gegenwärtig eher dürftig gepflegten und noch vom Rückbau der U-Bahn-Baustelle geprägten Freifläche Reste dieser alten Stadt ruhen. Ansatzpunkt der Rekonstruktions-Befürworter. Ihr Aufschrei war laut, als die SenStadtWohn im Frühjahr fest­legte, dass die Freifläche nicht rekonstruiert und bebaut, sondern als parkähnlicher Freiraum gestaltet werden soll.
Eine Entscheidung, die weder leichtfertig nochunüberlegt getroffen wurde: Bereits 2010 waren fünf „Testentwürfe“ entstanden, die verschiedene, teils beinahe utopische Szenarien durchspielten – Stichwort Überflutung. Erst fünf Jahre später wurden, im Rahmen eines breit angelegten Bürgerbeteiligungsverfahrens, verschiedenste Konzepte diskutiert und Gestaltungsleitlinien entwickelt. Das Votum fiel hin zum Grün und weg von der Rekonstruktion und mündete schließlich in der Auslobung eines landschaftsplanerischen Wettbewerbs.
53 Teilnehmer reichten ihre Arbeiten ein, 21 wurden in der zweiten Wettbewerbsphase – erneut unter intensiver Bürgerbeteiligung – weiterentwickelt. Am Ende konnten die Landschaftsarchitekten des Büros RMP Stephan Lenzen, ansässig in Köln und Bonn, den Wettbewerb für sich entscheiden.
Der Entwurf überzeugte die Jury mit einer prägnanten Figur, welche die denkmalgeschützten Bereiche des Rathaus-Forums durch ein zentrales, begrüntes Band mit dem Marx-Engels-Forum verbindet. Dabei wird die bestehende Freiraumgestaltung rund um Fernsehturm und Rotem Rathaus in gespiegeltem Verlauf auf das Marx-Engels-Forum übertragen. Der Abschluss Richtung Spree ist als Gabelung mit anschließendem Freitreppenbereich vorgesehen. Diese Gabelung schafft einen angenehmen Bruch der Achsialität des zentralen Bandes und verknüpft die zentralen Flanierbänder mit Karl-Liebknecht- und Rathausbrücke.
Am Uferbereich, der auch als Bühne bespielt werden kann, befindet sich eine Promenade, die um einen Wasserspiegel führt. Der Treppenanlage wird eine grüne, lang gestreckte Böschung mit eingestreuten Sitzstufen entgegen gesetzt. Damit öffnet sich der Blick nicht nur zum gegenüberliegenden, ebenfalls kontrovers diskutiertem Humboldt Forum, sondern auch zum Berliner Dom.
Vor dem Rathaus ist eine Freifläche als „Forum der Demokratie“ für Veranstaltungen und Demonstrationen geplant, in den Seitenbereichen befinden sich diverse, von Bäumen umstande­-ne Nutzungsbereiche wie Sport- und Spielplätze. Die Bestandselemente, wie das Bronze-Duo des Marx-Engels-Monuments, werden re-integriert. „Mit viel Grün, mit Bäumen, die Schatten spenden, mit Wasser, das zur Kühlung beiträgt, aber auch mit Versickerungsflächen wird hier ein klimaresilienter Stadtraum geschaffen“, so die Umweltsenatorin Regine Günther. Laut Sebastian Scheel, Senator für Stadtentwicklung und Wohnen, entspricht der Entwurf damit klar dem Willen der Bürger, die sich einen „Ort der Versammlung, der politischen Aktionen und der Erholung für die diverse und kreative Stadtgesellschaft“ gewünscht hatten.
Dass sich trotz des langwierigen Prozesses am Ende dennoch einige am Ergebnis erzür­-nen, ist keine Überraschung, macht der Entwurf zunächst vor allem deutlich, dass etwas völlig Neu­es entstehen soll, der Blick nach vorne geht, und nicht zurück. So findet nicht nur keine Re­kon­struktion der alten Bebauung statt, im Gegenteil: Der Siegerentwurf nimmt keinerlei Rückbesinnung auf die ringförmige Platzgestaltung des Marx-Engels Forums vor – anders als bei den Entwürfen der zweitplatzierten Ate­lier Loidl und der drittplatzierten Pola Landschaftsarchitekten.
Selbst dem grundsätzlichen Befürworter des grünen Konzeptes fallen im gekürten Entwurf Unstimmigkeiten auf: Es dürfte schwierig werden, dei großen Rasenflächen zu queren, und der Versiegelungsgrad scheint erheblich. Sind dies noch Kleinigkeiten, stellt sich doch eine weitaus größere Frage: Und zwar jene nach der Maßstäblichkeit des gesamten Projekts. Denn für das Vorhaben des Bezirks, die breite Spandauer Straße autofrei oder zumindest verkehrsberuhigt zu gestalten, stehen konkrete Planungen noch aus. Das führt dazu, dass sich alle prämierten Entwürfe mehr oder weniger schüchtern bemühen, die Brachialität der Verkehrsachse zu mindern, indem sie die Rasenfläche ans Rathaus-Forum heranführen oder die Straße überbücken.
Die Gemengelage im historischen Zentrum ist neu: Durch die Bauprojekte an Mühlendammbrücke und Molkenmarkt, den Lückenschluss der U-Bahn-Linie 5 sowie das im Sommer eröffnete Humboldt-Forum fand in den vergangenen Jahren ein Umschwung statt. Ob der Forum-Park sich am Ende tatsächlicht das vo, Juryvorsitzendem Klaus Overmeyer formulierte „Habitat für die Berliner Stadtgesellschaft des 21. Jahrhunderts“ beweist, wird man sehen.
Zweiphasiger, offener Ideen- und Realisierungswett­bewerb für Landschaftsarchitekt:innen
1. Preis
(41.100 Euro) RMP Stephan Lenzen Landschafts­architekten, Bonn/Köln
2. Preis (27.300 Euro) Atelier Loidl Landschaftsarchitekten, Berlin
3. Preis (18.600 Euro) Pola Landschaftsarchitekten, Berlin
4. Preis (12.400 Euro) Sowatorini Landschaft, Berlin
Anerkennungen (je 8200 Euro) Levin Monsigny Landschaftsarchitekten, Berlin; WES LandschaftsArchitektur, Hamburg; Sinai Landschaftsarchitekten, Berlin
Ausloberin
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, Berlin
Wettbewerbskoordination
gruppe F – Freiraum für alle, Berlin

0 Kommentare


Ihr Kommentar







loading
x
loading

21.2021

Das aktuelle Heft

Bauwelt Newsletter

Immer Freitags: das Wichtigste der Woche. Dazu: aktuelle Jobangebote, Auslobungen und Termine.