Die Blüten des Guten

Kino, das bewegte Bild mit begleitender Tonspur, entfaltete sein im Stummfilm knospendes, gemeinschaftstiftendes Potenzial in den Dreißigern. Eine Kraft, die – im Guten wie im Bösen – aus nie­derschwellig geteiltem Eskapismus rührt. In einem tschechischen Kino aus den Dreißigern und einem schweizerischen aus den Fünfzigern soll neuerlich Popcorn für die Eskapaden bereitstehen.

Text: Mijatović, Maja, Hamburg

    1. Preis re:architekti studio nehmen den pragmatischen Charakter des als Interim geplanten Ursprungsbaus auf – auch in den Visualisierungen.
    Abb.: Verfasser

    1. Preis re:architekti studio nehmen den pragmatischen Charakter des als Interim geplanten Ursprungsbaus auf – auch in den Visualisierungen.

    Abb.: Verfasser

    Im Umbau sollen sich ein kleiner und ein großer Saal bei Bedarf koppeln lassen. Das Stahlstrebwerk wird instandgesetzt.
    Abb.: Verfasser

    Im Umbau sollen sich ein kleiner und ein großer Saal bei Bedarf koppeln lassen. Das Stahlstrebwerk wird instandgesetzt.

    Abb.: Verfasser

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    Abb.: Verfasser

    Der große Saal im Obergeschoss.
    Abb.: Verfasser

    Der große Saal im Obergeschoss.

    Abb.: Verfasser

    Aus dem vorgeschalteten Gang ...
    Abb.: Verfasser

    Aus dem vorgeschalteten Gang ...

    Abb.: Verfasser

    ... lässt sich eine Terrase betreten.
    Abb.: Verfasser

    ... lässt sich eine Terrase betreten.

    Abb.: Verfasser

    Sie liegt über Eingang und Café.
    Abb.: Verfasser

    Sie liegt über Eingang und Café.

    Abb.: Verfasser

    1. Preis FdMP präparieren die Deckenträger im Saal und inszenieren so im Fifties-Stil die Leinwand. Auf dem Rang weicht die Gestaltung von normaler Kino-Möblierung ab, indem sich hier Bänke konkav der Bildfläche gegenkrümmen. Abb.: Verfasser

    1. Preis FdMP präparieren die Deckenträger im Saal und inszenieren so im Fifties-Stil die Leinwand. Auf dem Rang weicht die Gestaltung von normaler Kino-Möblierung ab, indem sich hier Bänke konkav der Bildfläche gegenkrümmen.

    Abb.: Verfasser

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    Neben dem in der Sitzplatzanzahl reduzierten Kinosaal sollen Gastronomie, ein Film-Museum und eine Bibliothek die in einem Gewerbezentrum befindlichen Räume nutzen.
    Abb.: Verfasser

    Neben dem in der Sitzplatzanzahl reduzierten Kinosaal sollen Gastronomie, ein Film-Museum und eine Bibliothek die in einem Gewerbezentrum befindlichen Räume nutzen.

    Abb.: Verfasser

Die Blüten des Guten

Kino, das bewegte Bild mit begleitender Tonspur, entfaltete sein im Stummfilm knospendes, gemeinschaftstiftendes Potenzial in den Dreißigern. Eine Kraft, die – im Guten wie im Bösen – aus nie­derschwellig geteiltem Eskapismus rührt. In einem tschechischen Kino aus den Dreißigern und einem schweizerischen aus den Fünfzigern soll neuerlich Popcorn für die Eskapaden bereitstehen.

Text: Mijatović, Maja, Hamburg

Wir sitzen in einem dunklen Kinosaal und tauchen in fremde Welten ab. Wir fiebern im gleichen Maße durch den Film, erschrecken uns, lachen gemeinsam. Wir kennen uns nicht, doch verbindet uns das Kinoerlebnis. Lange blieb uns der Filmgenuss verwehrt. Insbesondere im vergangenen Jahr war die Sorge um die Zukunft der Kinos groß – schließlich kämpfen diese schon lange um ihren Fortbestand. So gehen seit Mitte der 2000er Jahre die Besucherzahlen langsam zurück. Moderne Heimkinosysteme und große hochaufgelöste Bildschirme sowie Streamingdienste mit On-Demand-Programm haben unser Sehverhalten verändert. Hat das Kino endgültig sheinen Reiz verloren? Oder wie lassen sich Lichtspielhäuser entwickeln?
Die 1930er Jahre: Erste Blüte des Kinos
Fast 100 Jahre ist es her, als das Kino in den 1930er Jahren erblühte. Mit dem Tonfilm, der 1929 eingeführt wurde, eröffneten sich völlig neue Möglichkeiten in der Erzählung von Geschichten, die ein Massenpublikum begeisterten. „Ich bin so gern im Kino. Es entrückt mich“, schrieb Victor Klemperer 1933 in seine Tagebücher. Für den jüdischen Literaturwissenschaftler bedeutete der Kinobesuch (solang er ihm noch möglich war) auch einen Ausbruch aus dem zunehmend judenfeindlichen Alltag. Akribisch hielt er das Gesehene fest, lobte und kritisierte Filme – und er erkannte ihre Anfälligkeit für die „Sprache des 3. Reichs“: „Der deutsche Lustspielfilm marschiert“. Film war das ideale Propaganda-Medium, vordergründig und unterschwellig in der Lage, eine Massenbewegung anzuheizen.
Auch der Philosoph Walter Benjamin hielt in seinem Werk „Das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“ fest, dass der Film die Wahrnehmung von Kunst in der Gesellschaft ändern würde. Theodor W. Adorno und Max Horkheimer bekräftigen Benjamins Theorie, indem sie in ihrer Veröffentlichung „Dialektik der Aufklärung“ von der sogenannten „Kulturindustrie“ sprechen. Der Begriff beschreibt die gezielte Herstellung von Produkten, wie etwa Filmen, die auf eine breite Masse zugeschnitten sind. Der Filmtheoretiker Siegfried Kracauer greift zudem die Collage-Technik auf: In Filmen würden nur bestimmte Bildausschnitte gezeigt – das Publikum durch diese eingeschränkte Sichtweise manipuliert. Es fehle die Zeit, das Gesehene zu reflektieren und objektiven Abstand zu wahren, so Kracauer. Derart reproduzierte Bilder können in Form von Fiktion als auch Dokumentation zu einer Verzerrung der Realität beitragen.
Die Aneignung dieser Möglichkeiten von Film und Kino durch totalitäre Regimes zur Ästhetisierung des Kriegs und Vermittlung standardisierter Lebensumstände sollte aber nicht hinwegtäuschen über den Glanz des Lichtspiels. Die ihm innewohnende Begeisterungskraft lag schon früh in seinem raumgreifenden Sog, in fabelhafte Welten (z.B. Der Zauberer von Oz, USA 1939) oder zu Romantik und Schauder (z.B. Nosferatu, Deutschland 1922) mitzureißen, und die künstlerische Experimentierfreude der Filmschaffenden (z.B. Metropolis, Deutschland, 1927) in Bild, mit oder ohne Ton, eröffnete den Menschen neue Perspektiven.
Die Film-Begeisterung war damals enorm: Allein in Deutschland gab es 1939 6673 Kinos. Bis 1943 verdoppelten sich die Ticketverkaufszahlen von 624 Millionen auf fast 1,2 Milliarden. Zum Vergleich: 2019 wurden 113 Millionen Tickets für die insgesamt 1734 Spielstätten verkauft.
Das Große Kino Zlín
Spielfilme waren damals in ganz Europa beliebt. Um seinen Arbeitnehmern einen Ort der Unterhaltung anzubieten, ließ Tomáš Bat’a, Geschäftsführer des Bat’a Schuhunternehmens, das Große Kino Zlín errichten. Der Architekt František Lýdie Gahura entwarf und stellte einen Interimsbau 1932 fertig. Die rückbaubare Stahlkonstruktion verfügte über eine Spannweite von 33 Metern und war mit insgesamt 2270 Sitzplätzen das größte Kino in der damaligen Tschechoslowakei. Schon nach kürzester Zeit etablierte sich der Ort als zentrale Kultureinrichtung in der Stadt. Neben Filmvorführungen beinhaltete das Große Kino einen Kindergarten und wurde zudem für die Übertragung von Sportveranstaltungen und Theateraufführungen genutzt. Aus der einstigen Interimslösung wurde schließlich eine dauerhafte Nutzung. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude schwer beschädigt und danach über die Jahre hinweg um weitere Funktionen erweitert – der Bestandsbau um neue Anbauten ergänzt.
Nachdem es vor einigen Jahren aufgrund von Einsturzgefahr geschlossen werden musste, sollten Architekten in einem Wettbewerb 2020 einen neuen Umgang mit dem Großen Kino finden. Ziel war es, das Gebäude zu revitalisieren und dafür eine ebenso dauerhafte wie zeitgemäße Nutzung zu entwickeln. Das Prager Architekturbüro re:architekti studio gewann den Wettbewerb. Die Architekten entschieden sich für den Erhalt des Kinosaals mit der ursprünglichen Stahl-Fachwerk-Konstruktion. Sie sehen künftig eine multifunktionale Nutzung vor, die von Filmvorführungen über Ausstellungen und Kongresse bis hin zu überdachten Wochenmärkten reicht. Um das Gebäude so vielfältig nutzen zu können, wird das Gefälle, das einst die Topografie des Außenraums im Inneren aufgriff, im großen Saal entfernt. Auf der Eingangsebene werden im vorderen Bereich ein Café sowie Sanitärbereiche angeordnet. Büroräume, Lagerflächen und Bühnenunterkonstruktion befinden sich im hinteren Bereich. Das Obergeschoss gliedern sie in zwei unterschiedlich große Hallen: In dem eins­tigen Kinosaal, der künftig 900 Sitzplätze fassen wird, können Konzerte und Filmvorführungen stattfinden. Zudem ist eine Zufahrt für LKW vorgesehen, um größere Anlieferungen zu ermöglichen. Der kleinere Saal ist mit 210 Sitzplätzen für ein kleinmaßstäbliches Programm ausgelegt. Beide Hallen funktionieren autark, lassen sich jedoch für größere Ereignisse zusammenschließen und kreieren daraus einen fließenden Raum. Durch diese Flexibilität ist eine umfangreiche Auslastung der Räume gewährleistet, und Zlín erhält mit dieser Revitalisierung einen repräsenta­tiven Standort für das größte Kinderfilm-Festival Europas. Die einstige Idee, einen Ort der Unterhaltung für die Bevölkerung zu schaffen, löst sich so rund 100 Jahre später nochmals ein und wird erweitert.
Ein zeitweiliger Aufschwung vor der Krise
Um an den Erfolg der 1930er und 1940er Jahre anzuknüpfen, wurden beschädigte Kinos kurz nach dem Krieg wieder aufgebaut und um zahlreiche Neubauten ergänzt. Technische Neuerungen, wie etwa die Einführung des Farbfilms, ließen Besucherzahlen in der Bundesrepublik seit Ende des Krieges steigen, bis diese 1957 mit über 800 Millionen in den rund 6500 Kinos ihren Höhepunkt erreichten. Monumentalfilme (z.B. Ben Hur, USA 1959) und Kriegsdramen, aber auch Komödien und Heimatfilme (z.B. Sissi, Österreich 1955) zogen Zuschauer in ihren Bann. Doch der Erfolg währte nicht lange: Ende der 1950er Jahre zog das Fernsehen als Massenmedium in die Haushalte ein und ließ die Besucherzahlen sinken.
Vor dieser Kinokrise öffnete 1952 in Genf das „Le Plaza“, ein Kino, dass mit 1250 Sitzplätzen das größte der Stadt und eines der größten der Schweiz war. Es wurde vom Schweizer Architekten Marc J. Saugey entworfen und ist Teil des Mont-Blanc Centres, eines Geschäftszentrums, dessen Sockel aus einer Passage mit Läden, Restaurants und dem Eingangsbereich zum Kino besteht. Technisch verfügte das Le Plaza über das sogenannte CinemaScope-System, das Panoramaprojektionen ermöglichte. Schwere Vorhänge und ein vergoldeter Holzrahmen um die Leinwand verliehen dem Saal Opulenz.
2004 musste das Le Plaza aufgrund niedriger Besucherzahlen schließen. 2018 plante man trotz Protesten den Abriss. Mit dem Kauf des gesamten Ensembles durch die Hans-Wilsdorf-Stiftung konnte der Fortbestand schließlich gesichert werden. Unter Denkmalschutz gestellt, sollen die Flächen nun zu einem Kultur- und Filmzentrum erweitert werden und damit den Standort nachhaltig wiederbeleben. Um die neuen Funktionen an heutige Bedürfnisse anzupassen, wurde 2020 ein zweistufiger Wettbewerb ausgelobt, zu dem 14 Architekturbüros eingeladen waren. Mit dem Konzept der „American Night“ gewannen FdMP Architekten aus Genf den Wettbewerb. Wie re:architekti in Zlín wahren die Architekten in ihrem Entwurf den Bestand und die Handschrift von Saugey, sehen jedoch eine stärkere Interaktion mit dem öffentlichen Raum vor, indem sie einen Teil der Flächen zur Straße öffnen. So wird das Kulturzentrum um ein Restaurant, eine Brasserie sowie eine Fachbibliothek für Kino, zeit­genössische Kunst und Architektur sowie eine Buchhandlung erweitert. Darüber hinaus wird künftig ein Dokumentationszentrum über die Geschichte der Genfer, Schweizer und internationalen Kinos informieren. Der Kinosaal wird in seiner originalen Struktur erhalten. Hervorgehoben wird die damalige Ingenieursleistung, indem sechs 40 Meter lange Binder in der Decke freigelegt werden. Außerdem werden neue, komfortable Sitzplätze eingebracht. Ein Gummigranulatboden soll die Akustik verbessern, und die Leinwand lässt sich künftig vom ursprünglichen CinemaScope-Rahmen an zeitgemäße Bildformate verändern. 526 Plätze fasst die untere Ebene im Kinosaal. 100 weitere Sitzplätze werden in Form von Bänken auf dem Balkon untergebracht und lassen sich damit für andere Zwecke nutzen. Im Obergeschoss sind Restaurantflächen mit einer Faltbühne vorgesehen. Diese lässt sich vielseitig einsetzen – wie etwa geschlossen als Bar oder entfaltet als Konzertbühne.
Von Multiplex und Multifunktionalität
Wie sieht die Zukunft unserer Kinos aus? Während die großen Multiplexkinos weiterhin Blockbusterfilme zeigen werden, ist es denkbar, dass Programmkinos zunehmend auf multifunktionale Konzepte setzen. Die Potenziale sind vorhanden: Schließlich befinden sie sich üblicherweise eingebettet in dichte städtische Strukturen und lassen sich oft gut zu Gemeinschaftszentren erweitern. Auch aus einem anderen Grund werden Streamingdienste Kinos nicht ablösen: Nirgends schmeckt das Popcorn (süß-salzig!) so gut wie in einem dunklen Saal, in dem gemeinsam, für ein paar Stunden, der Alltag verblasst.
Zlín: Großes Kino
Dialogverfahren
1. Preis re:architekti studio, Prag
2. Preis Építész Stúdió, Budapest
3. Preis A B.K.P.Š., Bratislava
weitere Teilnehmer Petr Hájek, Prag; ov architekti, Prag; Christophe Hutin, Bordeaux

Jeder Teilnehmer erhielt 250.000 Kč

Fachpreisgericht
Jitka Ressová, Jiří Korec, Pierre Hebbelinck, Vladimír Šlapeta, Martin Jančok, Miroslav Adámek, Pavel Brada

Ausloberin
Stadt Zlín
Genf: „Le Plaza“
Zweiphasiger Ideenwettbewerb
1. Preis FdMP Architectes, Genf: La Nuit Américaine
Finalist Atelier Bonnet Architectes, Genf :Pellicule & Pixel
Finalist Aeby Perneger & Associés, Carouge: Rebel Without A Cause
Jeder Finalist erhielten 40.000 CHF
Fachpreisgericht
Jean-Pierre Greff, Jacques Roulet, Catherine Dumont d’Ayot, Pauline Gygax, Tarramo Broennimann, Philippe
Meier, Jean-Frédéric Luscher
Ausloberin
SA Mont-Blanc-Centre, Genf
Wettbewerbsorganisation
Fondation Plaza, Genf

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