Geduldige Darsteller

Kinofeeling im Haus der Kulturen der Welt: „Counter Gravity“ zeigt das Gesamtwerk von Heinz Emigholz

Text: Savchenko, Julia, Nürnberg

    In der Filmserie „Street-scapes“ stellt Heinz Emigholz nicht nur den Horizont, sondern auch vieles Andere infrage.
    Foto: Heinz Emigholz/Filmgalerie 451

    In der Filmserie „Street-scapes“ stellt Heinz Emigholz nicht nur den Horizont, sondern auch vieles Andere infrage.

    Foto: Heinz Emigholz/Filmgalerie 451

    Die Notizbücher sind ein wichtiges Arbeitswerkzeug für den Regisseur.
    Foto: Silke Briel / HKW

    Die Notizbücher sind ein wichtiges Arbeitswerkzeug für den Regisseur.

    Foto: Silke Briel / HKW

Geduldige Darsteller

Kinofeeling im Haus der Kulturen der Welt: „Counter Gravity“ zeigt das Gesamtwerk von Heinz Emigholz

Text: Savchenko, Julia, Nürnberg

Über hundert Filme hat er gedreht, in den meisten davon sind Gebäude und Stadtlandschaften die Hauptdarsteller: Die Architektur hat es Heinz Emigholz angetan. Eine ganze Serie widmet sich bekannten oder auch marginalisierten Architekten der Moderne, dokumentiert akribisch die Räume, die sie geschaffen haben. Einen professionellen Hintergrund in der Architektur hat der Filmemacher, Künstler, Autor und Produzent nicht. Was hat ihn dazu bewegt, sich so intensiv mit ihr zu beschäftigen?
Eine Antwort verspricht die von Anselm Franke in Zusammenarbeit mit Heinz Emigholz kuratierte Ausstellung „Counter Gravity“, die aktuell im Haus der Kulturen der Welt zu sehen ist. Sowohl Emigholz‘ filmisches Gesamtwerk als auch seine gesammelten Notizbücher werden hier präsentiert. So betritt man die ehemalige Berliner Kongresshalle in der Hoffnung auf viel Neues – und vielleicht auch auf Antworten.
Die Ausstellung ist auf einen Raum begrenzt. An den Wänden präsentiert eine auffällige Tapete mit perspektivisch mehrdeutigem Giraffenmotiv einige Filmplakate und Bilder. Der Blick wird jedoch größtenteils verdeckt durch einen schwarzen Kubus, das Herzstück der Ausstellung. Hier laufen in sechs abwechselnden Programmen fast alle Filme von Emigholz. Gelingt es einem, sich dem Sog des Kinowürfels noch für einen Moment zu entziehen, so kann man bei steigender Erwartungshaltung die Notizbücher betrachten. Als „Quellcode“, dem eine eigene Serie von Filmen, „Die Basis des Make-up“ gewidmet ist, sind sie Ausdrucksmittel, Arbeitsinstrument und externalisiertes Gedächtnis für Emigholz. Hier scheint er jeden Gedanken festgehalten zu haben, den er jemals hatte, jedes Bild, jeden Zeitungsausschnitt. Alles, was irgendwie nützt. Die Bücher sind in chronologischer Reihenfolge präsentiert. Dennoch schweift der Blick ziellos zwischen den verschiedenartigen Dokumenten vergangener Jahrzehnte umher, deren Umfang allein ein gewisses Maß an Respekt einfordert. Ob man nur kurz hineinblickt oder intensiv versinkt, ist jedem selbst überlassen. An den Wänden gewähren separat präsentierte Auszüge aus Emigholz‘ Schriften Einblicke in seine Haltung zu Film und Fotografie und möglicherweise auch in die Wurzeln seiner charakteristischen Bildsprache. Hier seziert er nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich die einzelnen Elemente der Kameraarbeit – Bildausschnitt, Perspektive, Horizont. Auf einmal scheint nichts mehr selbstverständlich. „Die auf der Bildfläche installierte Raumillusion lässt die Problematik des Rahmens an der Peripherie des Sehens zerfallen. Das Bild wird zum Fenster, durch das man den Kopf steckt, und die Beschaffenheit des Rahmens zum Bestandteil einer Höhlenkonstruktion, die sich erst durch die Zurücknahme der Verschmelzung von Kopf und Raum erkennen lässt.“, schreibt er in der „Kleinen Enzyklopädie der Fotografie“. Komplett mystisch wird es dann bei den Aufzeichnungen zu dem Film „Arrowplane“, welche ein komplexes dreisprachiges System von Werten beinhalten. Ob die anderen Filme verständlicher sind?
Den Filmwürfel betritt man bereits voller Eindrücke. „Pym“ steht vor dem Eingang, das ist das Filmstudio, das Heinz Emigholz gründete, um sein Projekt „Arthur Gordon Pym – Die letzten Geheimnisse der Republik“ zu produzieren. Dazu kam es zwar nie, aber dafür zu unzähligen an­deren Filmen. Etwa zu der Architekturserie „Fotografie und Jenseits“, die im Zentrum der Aus­stellung steht und Werke von Louis H. Sullivan,
Robert Maillart, Bruce Goff, Rudolph Schindler, Adolf Loos, Frederick Kiesler, David Chipperfield, Samuel Bickels, Eliado Dieste und vielen anderen dokumentiert.
Der Zuschauer wird mit Bildern konfrontiert, die die Raumgefüge der jeweiligen Gebäude in stets gleich langen Einstellungen schrittweise abtasten. So entsteht ein fragmentarischer, aber auch ein stärker bewegender Eindruck der Bauwerke, als es beim Betrachten von Plänen möglich wäre – die notwendige Geduld vorausgesetzt. Das Atmosphärische, wie Gernot Böhme es definiert, bekommt seinen Raum und tritt durch Hintergrundgeräusche, Menschenbewegungen, Spuren der Zeit und das Wetter zutage. Das macht es möglich, eine subjektive Beziehung zum gefilmten Raum aufzubauen. Manchmal findet man sich in einer gar unbehaglichen, voyeuristischen Position, die, wie Emigholz schreibt, der Kamera grundsätzlich innewohnt. Doch bestreitet der Regisseur sie mit Ehrlichkeit, indem er sich durch die Kamera als Beobachterin offenbart.
Charakteristisch für ihn sind die schrägen Einstellungen. Durch sie rückt die bekannte Ordnung aus Horizont, oben und unten in den Bereich des Ungewissen. Besonders bei Bauwerken, die den Raum um uns herum scheinbar universell strukturieren, wird durch die schwebenden Bilder klar, dass diese Ordnung nur bedingt existiert. Sind wir auch in unserer Vorstellung durch Winkel und Achsen geprägt, die sich bei genauerer Betrachtung auflösen könnten?
Ursprünglich wollte Emigholz nur einen Film über Architektur drehen. Während seiner Lehrtätigkeit an der Universität der Künste Berlin in den 1990er-Jahren erwiesen sich die Gebäude jedoch als geduldige und ergiebige Darsteller, die ihn auch nach der Architekturfilmserie im Griff behielten. In den darauffolgenden Projekten verwob Emigholz Architektur und Stadtansichten mit einer dialogzentrierten Erzählweise. Der Film „The Last City“ spielt beispielsweise in fünf verschiedenen Städten und erzählt eine Geschichte in Gesprächen zwischen Personen, deren Leben lose miteinander verbunden sind. Die Stadtansichten tragen aktiv dazu bei, Themen wie Familie, Krieg, Zeitreisen und gesellschaftliche Tabus zu beleuchten. Letztere werden unter anderem in einem Beichtstuhl in einer Berliner Kirche ad absurdum geführt, der als Requisite in der Ausstellung zu sehen ist. Hier kann die Besucherin sich selbst in die Position der Beichtenden begeben und mit dem Charme des Verbotenen weiteren Filme ansehen.
Aufgrund der Art und des Umfangs der Werke kann man nicht alles auf einmal sehen. Das Gefühl der Unvollständigkeit muss nicht entmutigen, zeigt doch Emigholz selbst mit seinem fragmentarischen Stil, dass eine Sache nie ganz erfasst, sondern nur von vielen Seiten betrachtet werden kann. Ein letzter Blick auf die eschereske Giraffentapete offenbart endgültig: Es ist alles eine Frage des Blickwinkels.

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