Thomas Topfstedt (1947–2021)

Text: Bartetzky, Arnold, Leipzig

Thomas Topfstedt (1947–2021)

Text: Bartetzky, Arnold, Leipzig

Die Literatur zu Architektur und Städtebau der Moderne in der DDR füllt mittlerweile viele Regalmeter. Das erste Fachbuch zu diesem Thema schrieb vor über drei Jahrzehnten der Leipziger Kunsthistoriker Thomas Topfstedt. Im Vergleich zu den vielen voluminösen Hochglanzpublikationen aus jüngerer Zeit ist es ein schmales, sparsam illustriertes Bändchen. Es bietet aber einen systematischen Überblick und zugleich eine kri­tische architekturhistorische Einordnung der Planungs- und Baugeschichte der größeren Städ­te im sozialistischen Teil Deutschlands, die für die Zeit bemerkenswert ist.
Als das Buch 1988 im Leipziger Verlag E. A. Seemann erschien, existierte noch die DDR, und niemand ahnte ihren baldigen Untergang voraus. Die Krisensymptome waren aber bereits unübersehbar. Zu ihnen gehörte nicht zuletzt die Unzufriedenheit mit der Entwicklung der Städte. Topf- stedt artikuliert sie in dem Buch, indem er bei aller grundsätzlichen Sympathie und Anerkennung für das Projekt der Moderne auch mit Kritik an städtebaulichen Fehlleistungen der DDR nicht spart – mit Worten, die so sorgsam abgewogen sind, wie es in der Zeit nötig war, und doch in ihrer Deutlichkeit überraschen.
Topfstedt konnte sich auf die Verhältnisse einstellen und dabei einen inneren Kompass bewahren, der ihn eine kritische Distanz zu den jeweils geltenden Glaubenssätzen und herrschenden Moden halten ließ. Als einziger Lehrender aus der DDR-Zeit gestaltete er die Transformation des Instituts für Kunstgeschichte der Universität Leipzig mit, das er bis 1996 geschäftsführend leitete. Später wurden ihm auch Ämter in der Universitätsleitung angetragen. Genera­tionen von Studierenden profitierten von der Hingabe des leidenschaftlichen Professors und von seinem breit gefächerten Wissen, mit dem er auch für forschende Kollegen und Kolleginnen ein hilfreicher Begleiter war.
Von verschwurbelten Theoriediskursen hielt Topfstedt sich fern und suchte stets die Nähe zum Material. So war er wie kaum ein anderer gattungs- und epochenübergreifend mit der Kunstgeschichte Sachsens und benachbarter Regionen vertraut. Sein Hauptarbeitsgebiet blieb aber die Geschichte von Architektur und Städtebau in der DDR, die er frühzeitig auch einem westdeutschen Publikum nahebrachte, etwa als Gastprofessor an der Universität Tübingen bald nach der Wiedervereinigung. Zu seinen Pionierarbeiten zählt auch eine im Jahr 2000 erschienene Dokumentation biografischer Daten von DDR-Architekten.
Für den Erhalt des rapide schwindenden Bauerbes der DDR setzte sich Topfstedt seit langem ein. Dabei neigte er nicht zu dessen pauschaler Idealisierung, wie sie sich im Zuge der gegenwärtigen Forschungskonjunktur der „Ostmoderne“ mitunter beobachten lässt. Er machte immer wieder auf Gestaltungsqualitäten aufmerksam, die erst allmählich von einer breiteren Öffentlichkeit erkannt werden. Seine Expertise war in Fachgremien der Stadtentwicklung gefragt.
Am 6. Dezember ist Thomas Topfstedt gestorben. Er war ein feiner Mensch mit umfassender Bildung, subtilem Humor und Sinn für Ambivalenzen, der differenziert argumentierte und leise Töne bevorzugte. Seine Stimme war trotzdem vernehmbar. Sie wird fehlen.

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