Rudolf-Steiner-Schule in Genf
Das Büro Localarchitecture aus Lausanne zeigt mit der Aufstockung einer Waldorf-Schule in einem Vorort von Genf, dass sich auch aus der Architektur der 80er Jahre Zeitgemäßes entwickeln lässt.
Text: Brinitzer, Sabine, Schaffhausen
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Über den gerundeten Formen der Beton-Galerien folgt die Aufstockung in Holz einer expressionistisch anmutenden „Zacken-Geometrie“. Auf der Außenseite bilden die gleichmäßigen, stehenden Fensterformate einen ruhigen Abschluss.
Foto: Matthieu Gafsou
Über den gerundeten Formen der Beton-Galerien folgt die Aufstockung in Holz einer expressionistisch anmutenden „Zacken-Geometrie“. Auf der Außenseite bilden die gleichmäßigen, stehenden Fensterformate einen ruhigen Abschluss.
Foto: Matthieu Gafsou
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Ein neuer Hut für die Schule: Die Architekten vom Büro Localarchitecture wollten einen neuen Ausdruck aus dem Bestand entwickeln.
Foto: Matthieu Gafsou
Ein neuer Hut für die Schule: Die Architekten vom Büro Localarchitecture wollten einen neuen Ausdruck aus dem Bestand entwickeln.
Foto: Matthieu Gafsou
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Die Klassenzimmer öffnen sich in den Dachraum und sind von Oberlichtern zusätzlich belichtet.
Foto: Matthieu Gafsou
Die Klassenzimmer öffnen sich in den Dachraum und sind von Oberlichtern zusätzlich belichtet.
Foto: Matthieu Gafsou
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Im Zuge der Aufstockung wurde das gewendelte Treppenhaus mit einer Glasfassade geschlossen, ...
Foto: Matthieu Gafsou
Im Zuge der Aufstockung wurde das gewendelte Treppenhaus mit einer Glasfassade geschlossen, ...
Foto: Matthieu Gafsou
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... für die die Architekten eine zur Waldorf-Ästhetik passende Holzfassade entwarfen.
Foto: Matthieu Gafsou
... für die die Architekten eine zur Waldorf-Ästhetik passende Holzfassade entwarfen.
Foto: Matthieu Gafsou
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Als hätte der Architekt des Bestands eine Aufstockung schon selbst ins Auge gefasst, war die Treppe ins neue Dachgeschoss bereits angelegt.
Als hätte der Architekt des Bestands eine Aufstockung schon selbst ins Auge gefasst, war die Treppe ins neue Dachgeschoss bereits angelegt.
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Confignon ist eine Gemeinde südwestlich von Genf mit circa 4600 Einwohnern, die seit langer Zeit zu den sogenannten Weingärten des gleichnamigen Kantons gehört und die eine beliebte Wohnlage im Einzugsgebiet der Hauptstadt darstellt. Hier wurde in den 1980er Jahren, durch die Initiative einiger Eltern und die Bereitstellung eines Grundstücks von einer Privatperson, eine Rudolf-Steiner-Schule erbaut. Ihr Architekt war Jean-Jaques Tschumi (ein Großneffe des Architekten Jean Tschumi), der sich mit der Waldorfpädagogik auseinandergesetzt und mit dem Schulbau in Confignon eine ihr entsprechende Architektur entworfen hatte.
Ausgehend von den Entwicklungsstufen eines Kindes und der Förderung seiner kognitiven, motorischen und künstlerischen Fähigkeiten, aber auch unter Berücksichtigung der für einen Schulbetrieb notwendigen Einrichtungen, besteht dieser Schulbau aus mehreren Gebäudetrakten: einem Klassenzimmertrakt, einem Verwaltungstrakt und einem Festsaaltrakt mit Bühne, die sich gemeinsam um einen offenen Hof gruppieren. Auffallend ist darunter vor allem der Klassenzimmertrakt, der, in Assoziation mit Formen der Natur, pro Geschoss eine zellartige Aneinanderreihung von sechs Klassenzimmern und zwei Nebenräumen anschaulich macht, die – dem Sonnenlauf folgend – nur durch das gewendelte Treppenhaus und den aus Holz geformten Rundbau für die Lehrpersonen in ihrem Mittelpunkt unterbrochen sind. Dabei sind die Klassenräume durch einen zum Hof hin offenen und plastisch geformten, „fließenden“ Erschließungsgang miteinander verbunden.
„In den letzten Jahren zeigte sich, dass es notwendig ist, bei gleichbleibender Anzahl der Schülerinnen und Schüler, mehr Räume für die Pädagogik zur Verfügung zu haben“, berichtet Architekt Antoine Robert-Grandpierre vom Büro Localarchitecture Lausanne, dessen Kinder die Rudolf-Steiner-Schule besuchen. Er und sein Team wurden damit beauftragt, eine Erweiterung zu planen.
Dass er dafür eine Aufstockung des Klassenzimmertraktes vorsah, lag nicht nur daran, dass ein Anbau auf dem vorhandenen Grundstück und im Anschluss an das bestehende Gebäude schwierig gewesen wäre, sondern vor allem daran, dass Tschumi selbst höchst wahrscheinlich bereits von Anfang an die Möglichkeit einer Aufstockung ins Auge gefasst hatte. Als konkrete Hinweise darauf wurde zum einen die Fortsetzung der zentralen Wendeltreppe durch eine zusätzliche Stufe gewertet, mit der die Treppe zwar abrupt endete, die aber im Sinne der Anthroposophie Steiners eine „Entwicklung“ suggerierte, und zum anderen auch die skulptierten Betonstützen im Obergeschoss. Sie schienen bereits für ein zusätzliches Geschoss ausgelegt worden zu sein, aber waren nur durch einige aufgelegte Holzbalken miteinander verbunden.
Ein wesentlicher Impuls für den Entwurf der Aufstockung war die Analyse des bestehenden Bauwerks, das heißt das Hineindenken in all seine Teile und Formen, die Betrachtung seiner Umgebung und seiner Integration in das Wohngebiet. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse führten zu der Entscheidung, für die Aufstockung eine Form zu finden, die Zweierlei zu erfüllen vermag: einen Kontrast zu formulieren, durch den das baulich Neue zum Ausdruck kommt, und doch auch eine Verbindung zu dem bestehenden Gebäude herzustellen. „Es ging darum, eine Art passenden Hut zu entwerfen“, erklärt der Architekt.
Dazu wurde eine Konstruktion aus in der Schweiz heimischen Holzarten gewählt, deren expressive Formen mit Hilfe von 3D-Technologie, aber auch im Dialog mit einem erfahrenden Zimmermann entwickelt wurden. Um das neue Stockwerk auf die Betonstruktur von Tschumi aufzusetzen und auch hier – wie in den unteren Stockwerken – einen offenen Erschließungsgang zu den einzelnen Klassenräumen herzustellen, wurden im Bereich des Hofes auf die bestehenden Betonstützen und -träger zusätzlich einzelne Holzbalken gelegt. Dadurch wurde einerseits eine stabile Unterkonstruktion für die darauffolgende Betondecke gebildet und andererseits eine Überleitung vom Material Beton zum Material Holz geschaffen.
Die auf diese Weise „weiterentwickelte“ Waldorf-Architektur besteht vollkommen aus Holz und nimmt zwar die Anordnung der Klassenräume der unteren Stockwerke auf, unterscheidet sich jedoch von den bestehenden runden und fließenden Formen, indem an der Hofseite nun eine neue, gezackte Gestaltung eingeführt wurde, die dadurch eine andere „Eurythmie“ der Umrisslinien von offenem Erschließungsgang, Klassenzimmerwänden und Dachüberständen vor Augen führt. Dabei bildet der Erschließungsgang mit seinem Pultdach und seinen vielen, die geschwungene Außenwand rhythmisierenden Konsolen eine andere Räumlichkeit als jene der einzelnen Klassenzimmer, indem er sich weitet und verengt, während die Klassenzimmer zwar eine Drehung von jeweils 15 Grad aufweisen, ihre räumliche Begrenzung und ihr Volumen jedoch kaum verändert ist. Dass ihre Zahl von sechs in den unteren Stockwerken auf sieben in der Aufstockung vergrößert werden konnte, liegt daran, dass einer der Nebenräume in der Aufstockung als kleinerer Raum für die Abiturklasse genutzt wird. Dabei sind alle Räume zur Außenseite und damit zur Landschaft orientiert und bilden durch ihre plastisch geformten Dächer eine aus neun Fassaden gebildete Haube, die sich nicht nur durch das Material Holz, sondern auch durch das umlaufende Vordach über dem vorhandenen Obergeschoss vom Bestand mit seinen verputzten Wandflächen unterscheidet.
Die Belichtung der neuen Klassenzimmer mit ihren vollkommen aus Holz geformten Raumhüllen und gefalteten Innendecken erfolgt durch ein einzelnes Fenster an der Hofseite und durch mehrere Oberlichter im Dach. Hinzu kommen, mit der Aussicht auf den Genfer „Hausberg“ Mont Salève, stehende Rechteckfenster, die als Vierer-Gruppen die Außenfassaden strukturieren und, in Ergänzung zu den vielgestaltigen Fensterformen der unteren Geschosse, dem Bauwerk einen „ruhigen“ Abschluss schenken. Neben dem zusätzlichen Stockwerk wurde auch mit der gläsernen Fassung des Hohlraums unter der zentralen Wendeltreppe und dem dafür neu entwickelten Ornament eine räumliche und gestalterische Erweiterung geschaffen.
Die Aufstockung wurde während der Bauphase auch von den Schülerinnen und Schülern begleitet. Als ein Prozess der Partizipation, des Lernens und der Aneignung wurden für sie regelmäßig Besichtigungen der Baustelle durchgeführt, bei denen sie mitverfolgen konnten, wie die Idee einer Nutzung und Form eine reale Gestalt annimmt.
Insgesamt zeigt dieses Projekt, wie es möglich ist, die Herausforderung einer ästhetisch überzeugenden Aufstockung anzunehmen und ein vorhandenes Gebäude – dessen Architektur und Gestaltung sicherlich nicht überall Akzeptanz findet – mit Respekt und gleichzeitig mit dem Anspruch eines zeitgemäßen Ausdrucks weiter zu formen.
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