Die Urbanisierung des Vesuv

Von der Ersten zur Zweiten Natur

Text: Schmid, Christian, Zürich; Mattiucci, Cristina, Neapel

    Vesuv: Lavaschichten von verschiedenen historischen Eruptionen
    Abbildung: ETH Studio Basel, 2015

    Vesuv: Lavaschichten von verschiedenen historischen Eruptionen

    Abbildung: ETH Studio Basel, 2015

    Siedlungsgebiete rund um den Vesuv, 79 n.Chr.
    Abbildung: ETH Studio Basel, 2015

    Siedlungsgebiete rund um den Vesuv, 79 n.Chr.

    Abbildung: ETH Studio Basel, 2015

    Siedlungsgebiete rund um den Vesuv, 2012
    Abbildung: ETH Studio Basel, 2015

    Siedlungsgebiete rund um den Vesuv, 2012

    Abbildung: ETH Studio Basel, 2015

Die Urbanisierung des Vesuv

Von der Ersten zur Zweiten Natur

Text: Schmid, Christian, Zürich; Mattiucci, Cristina, Neapel

Der Vesuv ist einer der aktivsten Vulkane Europas. Ganze Generationen von Forscherinnen und Wissenschaftlern haben die Geschichte des Vulkanismus in dieser Region untersucht, in der die eurasische und die afrikanische Kontinentalplatte aufeinanderstoßen. Vulkanische Aktivi­täten begannen hier schon vor über 300.000 Jahren. In prähistorischer Zeit dominierten zwei große Kegel den heutigen Golf von Neapel. Zwischen 35.000 und 12.000 v. Chr. zerstörten starke Eruptionen den west­lichen Vulkan und hinterließen dort die Phlegräischen Felder, die „bren­nenden Felder”, übersät mit Fumarolen und Schlammtümpeln. Der stehengebliebene östliche Kegel bildete einen neuen Vulkan aus, den Monte Somma. Im Verlauf der letzten 25.000 Jahre haben schwere Ausbrüche seinen Gipfel einstürzen lassen und eine Caldera, einen großen Krater, hinterlassen – die Römer nannten diesen Vulkan Vesuvius.
Schon seit langem besteht eine enge Beziehung zwischen dem Vulkan und der menschlichen Siedlungstätigkeit. Der Reichtum der Campania verdankt sich ihren fruchtbaren Böden, die aus der Verwitterung von Vulkanasche und Lava entstanden sind. Um das Jahr 800 v. Chr. wurde am Fuße des Vesuvs, an der Stelle einer älteren Siedlung, Neapolis, die „Neue Stadt“ als griechische Kolonie gegründet. 326 v. Chr. wurde die Stadt zur römischen Kolonie und zu einem Zentrum der Vermittlung hellenischer Kultur. Stadt und Umgebung bildeten eine der glanzvollsten Regionen des Römischen Reichs, berühmt für ihre landschaftliche Schönheit und das vorteilhafte Klima: Der Apennin schützt im Winter vor den Nordwinden, die Brise vom Mittelmeer mildert die sommerliche Hitze. Die fruchtbare Vulkanerde ließ eine vielfältige Landwirtschaft mit Wein- und Obstanbau entstehen. Marktorte, Häfen und Landsitze gediehen, und die zahlreichen Villen am Meer schufen die Illusion einer einzigen Stadt, die sich die Küs­te entlang ausbreitete. Diese Welt fand im Jahr 79 n. Chr. mit dem Ausbruch des Vesuvs und der Vernichtung von Pompeji und Herculaneum ein abruptes Ende. Diese Eruption, eine der bekanntesten und am besten untersuchten in der Geschichte der Vulkanologie, stand am Beginn einer Reihe weiterer vulkanischer Aktivitäten, die einen neuen Vulkankegel entstehen ließen, den heutigen Vesuv. Zugleich begann eine 2000 Jahre währende Geschichte von Zerstörung und Wiederaufbau. Im 15. Jahrhundert entwickelte sich Neapel zu einer der größten Städte und einem der berühmtesten Reiseziele Europas.
Die Urbanisierung des Vesuv
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gebiet um Neapel zunehmend durch die Industrialisierung geprägt. Die Stadt selbst war schon so dicht besiedelt, dass sich die Urbanisierung in die Peripherie verlagerte und eine ausgedehnte urbane Zone entstehen ließ, insbesondere im Norden und in den östlichen Teilen rund um den Vesuv. Mit dieser raschen, chaotischen und oft illegalen Urbanisierung näherten sich die Siedlungsgebiete immer mehr dem Vulkan selbst. Allein zwischen 1951 und 1991 wuchs die Einwohnerzahl der 18 Gemeinden rund um den Vesuv von 353.000 auf 583.000, und die Zahl der Häuser stieg um mehr als das Doppelte von 73.000 auf 176.000. Das Stadtgebiet umschloss jetzt wie ein breiter Ring den Vulkan, und schob sich immer weiter den Vulkankegel hinauf. In den letzten Jahrzehnten schwächte sich der Urbanisierungsprozess merklich ab, denn Neapel war mit den Folgen der De-Industrialisierung konfrontiert, die schon in der schweren Wirtschaftskrise der 1970er Jahre eingesetzt hatte und teilweise zu einer Bevölkerungsabnahme führte – insbesondere an der Küstenzone des Vesuvs. Bis heute hat sich die Wirtschaft Neapels nicht vollständig erholt. Die Urbanisierung dagegen schreitet ungebremst voran, vor allem durch die Errichtung illegaler Bauten. Zwar ging die Einwohnerzahl rund um den Vesuv zwischen 1991 und 2011 um rund 70.000 zurück, doch die Zahl der Häuser stieg um weitere sechs Prozent. So bildete sich eine „wilde” Urbanisierung heraus, die sich über immer weitere Teile des Territoriums verstreut. Viele dieser illegalen oder halblegal errichten Gebäude missachten die vorgeschriebenen Normen und Sicherheitsstandards und sind damit möglichen Vulkanausbrüchen besonders ausgesetzt.
Die Rote Zone
Während langer Zeit wurden die Gefahren, die vom Vesuv ausgingen, ignoriert, trotz der Tatsache, dass immer wieder auftretende Eruptionen viele Siedlungen zerstörten. Doch kaum war die heiße Asche abgekühlt, wurden sie schon wieder aufgebaut. Erste Überlegungen für einen Notfallplan gab es schon nach dem Ausbruch von 1872. Dieser Plan erwies sich als ebenso unwirksam wie nachfolgende Pläne aus den Jahren 1906 und 1944, die nach weiteren Ausbrüchen erlassen aber nie umgesetzt wurden. 1995 veröffentlichte das Dipartimento della Protezione Civile den ersten nationalen Notfallplan für den Vesuv, der in den folgenden Jahren immer wieder aktualisiert wurde. Die jüngste Version aus dem Jahr 2014 unterscheidet verschiedene Zonen der Gefährdung und sieht vor, die Rote Zone – der Bereich der höchsten Gefahrenstufe – bei einer drohenden Eruption vollständig zu räumen. Heute leben etwa 700.000 Menschen in dieser Gefahrenzone. Obwohl ein Teil der Geologen davon überzeugt ist, dass die Vorwarnzeit bei einem Ausbruch nur etwa zwölf Stunden beträgt, soll laut Plan die Evakuierung der gesamten Bevölkerung innerhalb von 72 Stunden erfolgen, und zwar gemäß einer komplizierten Strategie mit Bussen, Zügen und Schiffen. Im ersten Schritt sollen die Personen durch Busse oder eigene Verkehrsmittel von festgelegten „Wartezonen“ zu „Sammelstellen“ gebracht werden. Allerdings sind beim Verlassen der Roten Zone Engstellen zu passieren, die im Notfallplan als „Tore“ ausgewiesen sind. Diese Pläne haben massive Kritik hervorgerufen, insbesondere deshalb, weil das Labyrinth aus engen Gassen rund um den Vesuv schon an normalen Tagen verstopft ist und im Notfall zur Falle werden kann. Die Stadt ist hier so dicht bebaut und die Straßen sind so schmal, dass Behinderungen und Verkehrsstaus eine Evakuierung verunmöglichen könnten. Deshalb begannen 2015 die Arbeiten an einer neuen Straße, die den Vesuv direkt mit der Autobahn verbinden soll. Es bleibt aber schwierig, sich vorzustellen, wie verängstigte Anwohner in der kurzen Zeitspanne, die zwischen den ersten Anzeichen und einem prognostizierten Ausbruch verbleibt, den vorgeschriebenen Routen in geordneter Weise folgen werden.
Angesichts der Schwierigkeiten einer Evakuierung scheint es naheliegend, umzudenken und wenigstens die weitere Bebauung des Gefahren­gebiets zu stoppen. Allerdings wurde jeder Versuch, die Siedlungsentwicklung zu beschränken, während Jahren durch die fortgesetzte illegale Bautätigkeit unterlaufen. Häufige Amnestien belegen, dass Illegalität zu einem festen Bestandteil der territorialen Regulation geworden ist und als konstituierendes Element des Planungssystems der Region Neapel angesehen werden muss. Gemäß dem Flächennutzungsplan aus dem Jahr 2003 ist jede Art von Neubau innerhalb der Roten Zone untersagt, und tatsächlich wurde ab diesem Zeitpunkt auch keine Amnestie mehr für Verstö-ße in diesem Gebiet erlassen. Trotzdem stehen dort immer noch 27.000 illegale Bauten – ganze 55 Gebäude wurden in dieser Zeit nach richterlichem Beschluss abgebrochen. Eine Abbruchverfügung zu erwirken ist für eine Gemeindeverwaltung ein langwieriger Prozess voller Hindernisse. Sie muss dabei auch noch in Betracht ziehen, dass das illegale Bauen Ausdruck einer weit verbreiteten lokalen Kultur ist, die Illegalität akzeptiert, wenn es um die Befriedigung eines Grundbedürfnisses geht – „abusivismo per necessità“.
Erste und Zweite Natur
Ein Vulkan als solcher ist weder gefährlich noch stellt er eine Bedrohung dar – eine Eruption ist schlicht das Resultat geophysikalischer Kräfte. Gefährlich und zu einer Bedrohung wird er erst, wenn sich Leute dem Gebiet, dessen Untergrund in Bewegung ist, nähern. Nach einer mehr als 50 Jahren dauernden Phase ruhender vulkanischer Aktivität aber erscheint die Gefahr weit weg, und die Bedrohung ist eher abstrakter Natur, angesichts der konkreten Lebensumstände und den wirklich drängenden Problemen des Alltags. Warum sollte jemand diese wunderschöne Gegend verlassen und ein soziales Netzwerk aufgeben, dass vielleicht schon über Generationen hinweg aufgebaut wurde? Und auch wenn die Menschen dazu be­-reit wären – wohin sollten sie gehen? Die ganze Region rund um Neapel ist schon derart dicht besiedelt, dass sie kaum Raum lässt für neue Stadtteile oder gar ganze Städte, die es angesichts der großen Zahl der in der Roten Zone lebenden Bevölkerung eigentlich brauchen würde.
Im Endeffekt folgt die Urbanisierung einer Struktur, die schon in das Territorium eingeschrieben ist und sich in ihrer spezifischen Dialektik von Legalität und Illegalität in den Planungsregeln niedergeschlagen hat. In diesem Prozess hat sich eine gebaute Welt als Zweite Natur herausgebildet, die sich in vielerlei Hinsicht der Ersten Natur entgegenstellt, die durch den Vulkan dominiert wird. Während sich die Erste Natur in einer permanenten, aber unvorhersehbaren Bewegung befindet, folgt die Zweite Natur einer anderen Logik, die zur Produktion von dauerhaften Siedlungsgebieten führt und sich in einer baulichen Umwelt kristallisiert. Und die-se wiederum stellt eine enorme, langfristige Investition dar, die massiv an Wert verlöre, wenn das ganze Gebiet offiziell als unbewohnbar erklärt und die weitere Bautätigkeit völlig gestoppt würde. So stabilisiert die ökonomische Logik die bestehenden urbanen Strukturen und verstärkt die Starrheit der Zweiten Natur. Erst der Zusammenstoß dieser beiden sich widersprechenden Logiken beschwört eine gefährliche Situation herauf: der unstabile und sich ständige bewegende Untergrund der Ersten Natur wird von einer sehr rigiden und unbeweglichen Zweiten Natur überlagert, die zu einer Art künstlicher Kruste erstarrt ist. Erwachen die unwägbaren Kräfte des Untergrunds wieder, ist eine Katastrophe kaum mehr abzuwenden.
Übersetzung aus dem Englischen von Michael Goj
Literatur
Legambiente (Hrsg.), ECOMAFIA 2019. La criminalità ambientale in sintesi. Edizioni Ambiente, Milano 2019
Laino, G.: The Neapolitan Urban Kaleidoscope, in Balducci A., Fedeli V., Curci F. (Hrsg.): Post-Metropolitan Territories: Looking for a New Urbanity. London: Routledge 2017
Pesaresi, C., Marta, M., Palagiano, C. und Scandone, R.: The Evaluation of „Social Risk“
Due to Volcanic Eruptions of Vesuvius. In: Natural Hazards 47/2, 2008, S. 229–243
Presidenza del Consiglio dei Ministri, Dipartimento della Protezione Civile: 2001 Vesuvius Emergency Plan (updated in 2014)
Scarth, A.: Vesuvius: A Biography. Princeton, NJ: Princton University Press, 2009

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