Bauwelt

Energie-Architektur

Von Kohle, Stahl und Uran zu Wind, Sonne und Kreislaufwirtschaft. Die Schau „Power“ im Brüsseler CIVA widmet sich den Zusammenhängen von Energie, politischer Macht und räumlic­hen Konzepten.

Text: Adam, Hubertus, Zürich

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    Von Hydropia über die Isles of Wind und die Tidal States bis nach Geothermalia und Solaria: Karte von Eneropa, 2010, für „Roadmap 2050“
    Grafik (Ausschnitt): AMO (in Zusammenarbeit mit dem Imperial College London, KEMA, McKinsey & Company und Oxford Economics).

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    Von Hydropia über die Isles of Wind und die Tidal States bis nach Geothermalia und Solaria: Karte von Eneropa, 2010, für „Roadmap 2050“

    Grafik (Ausschnitt): AMO (in Zusammenarbeit mit dem Imperial College London, KEMA, McKinsey & Company und Oxford Economics).

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    Kostüme von Ane Crabtree für „The Great Endeavor, Humanity’s Largest Construction Project“ von Liam Young, 2023
    Foto: Filip Dujardin

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    Kostüme von Ane Crabtree für „The Great Endeavor, Humanity’s Largest Construction Project“ von Liam Young, 2023

    Foto: Filip Dujardin

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    André & Jean Polak, Atomium auf der Expo 58 in Brüssel, Froschperspektive, von der Esplanade aus gesehen.
    Abb.: Sammlung CIVA, Brüssel

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    André & Jean Polak, Atomium auf der Expo 58 in Brüssel, Froschperspektive, von der Esplanade aus gesehen.

    Abb.: Sammlung CIVA, Brüssel

Energie-Architektur

Von Kohle, Stahl und Uran zu Wind, Sonne und Kreislaufwirtschaft. Die Schau „Power“ im Brüsseler CIVA widmet sich den Zusammenhängen von Energie, politischer Macht und räumlic­hen Konzepten.

Text: Adam, Hubertus, Zürich

Das Architekturzentrum CIVA wurde 2016 von der Hauptstadtregion Brüssel als Zusammenschluss verschiedener im Bereich Architektur, Landschaft und urbane Ökosysteme tätiger Initiativen gegründet, wobei die großartigen Sammlungen der von Maurice Culot aufgebauten Ar-chives d’architecture moderne den wesentlichen Sammlungsbestand der Institution bilden. Seit drei Jahren ist der Architekt, Ausstellungsma-cher und Kunsttheoretiker Nikolaus Hirsch künstlerischer Leiter von CIVA und hat das Zentrum mit international ausstrahlenden und transdisziplinären Ausstellungen profiliert, darunter „Superstudio Migrazioni“ (2021) und „Style Congo. Heritage & Heresy“ (2023).
Die aktuelle Schau heißt schlicht „Power“ – und referiert auf die Doppeldeutigkeit, die im englischen Titel steckt: politische Macht und Energie. Der Ort könnte kaum besser gewählt sein, denn der Altbau des CIVA, das im Brüsseler Stadtteil ansässig ist, bevor es 2025 in das Megaprojekt Kanal Pompidou umziehen soll, wurde 1895 als Kraftwerk errichtet und versorgte die Stadt mit Strom für die Straßenbeleuchtung. Der Bezug zwischen Energie und Politik wird in der Europastadt Brüssel aber in besonders hohem Masse evident – angesichts der Tatsache, dass die EU in der 1952 gegründeten Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) wurzelt, also der Montanunion.
Die Ausstellung erinnert in diesem Zusammenhang an die verschiedenen Initiativen der EGKS, mit Hilfe von Architekturwettbewerben experimentellen Wohnungsbau aus Stahl zu lancieren. Resultat war unter anderem das extrem kostengünstige „La Maison CECA“ der Architekten Willy van der Meeren und Léon Palm, das 1954 auf der Internationalen Messe in Charleroi vorgestellt wurde. Am Wettbewerb des Jahres 1966 nahmen 3000 Architekten teil – Jochen Brandi konnte als erster Preisträger zehn Jahre später sein experimentelles, auf einem flexiblen Baukastenprinzip basierendes Terrassenhaus am Schleswiger Ufer in Berlin realisieren. So zukunftsweisend Brandis Haus wirkte – eigentlich war der energieintensive Stahlbau aufgrund der Ölkrise schon obsolet geworden. Die Idee, Häuser nach dem Vorbild der Automobilproduktion herzustellen, blieb eine Vision. Der Architekturtheoretiker Dennis Pohl, der seine Forschungen unter dem Titel „Building Carbon Europe“ demnächst bei Sternberg Press publiziert und auf dessen Recherchen dieser Teil der Ausstellung maßgeblich basiert, sieht die Initiativen der EGKS ambivalent: Einerseits kann man sie als transnationales und friedensstiftendes Projekt verstehen, andererseits leisteten sie einem Verständnis des Bauens Vorschub, bei dem die Ressource Energie als quantité négligé-able galt.
Auch Atomkraft spielte in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Deren friedliche Nutzung stieß auf eine weitgehend positive Resonanz, wie ein Blick auf die Brüsseler Weltausstellung von 1958 mit dem Atomium als ikonischer Baustruktur und Symbol des Atomzeitalters zeigt. Eine Reihe von Playern der internationalen Uranindustrie war auf der Expo vertreten, und ursprünglich sollte sogar Europas erster Druckwasserreaktor auf dem Ausstellungsgelände gebaut werden. Dazu kam es nicht, und so wurde dieser 1962 auf dem Gelände des auch architektonisch bedeutsamen Kernforschungszentrums im belgischen Mol errichtet. Von der Faszination des neuen Typs von Kraftwerk, der insbesondere nach der Ölkrise als valable Alternative zur fossilen Energieproduktion gesehen wurde, zeugen die Kraftwerksentwürfe von Claude Parent aus den 1970er-Jahren.
Die Gegenposition zur Fortschrittseuphorie und der Idee grenzenlosen Wachstums vertritt in der Ausstellung der Botaniker und Chemiker Paul Duvigneaud (1913–91), dessen Nachlass sich ebenfalls im CIVA befindet. Duvigneaud entwickelte eine grafische Sprache bildhafter, an Comics erinnernder Diagramme. Er gilt als Pionier des Nachdenkens über urbane Ökosysteme und warnte schon früh vor dem Klimawandel. Im Kontext der Ausstellung funktionieren seine Schriften als Gelenkstelle zum aktuellen Teil der Schau. Der von OMA 2008 entwickelte Masterplan für die Nordsee („Zeekracht“) antizipiert gewissermaßen die im April 2023 verabschiedete Deklaration von Ostende, die Nordsee durch Gewinnung von Windenergie zum grünen Kraftwerk von Europa zu machen. Neben den erneuerbaren Energien ein weiteres Thema: die Kreislaufwirtschaft, exemplifiziert anhand des Projekts für ein unter anderem von BC Architects lanciertes Material-Recycling-Hub im Hafen von Brüssel, das 2025 eröffnen soll. Und schließlich: der Kampf gegen die Hitze in den Städten, hier veranschaulicht anhand von Bas Smets Umgestaltung der Freiräume um Notre-Dame in Paris.
„Power“ vereint ein breites Spektrum an Themen, verknüpft historische Tiefenbohrungen mit aktuellen Debatteninhalten. Dem Kuratorenteam Silvia Franceschini, Eric Hennaut, Nikolaus Hirsch, Yaron Pesztat, Ursula Wieser Benedetti ist eine überaus instruktive Schau gelungen, welche auch in der Präsentation die richtige Balance zwischen wissenschaftlicher Recherche und künstlerischer Umsetzung findet.

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