Wie werden wir zusammenleben?

Mit „How will we live together?“ ersucht Kurator Hashim Sarkis die Teilnehmer der 17. Architekturbiennale um Antworten auf die ganz ­große Frage der Menschheit. Wie es scheint, hat er die Architektinnen und Architekten, die er einlud, damit aber nicht überfordert.

Text: Friedrich, Jan, Berlin

    Allan Wexler, Table for the Typical House, 2010. Der Künstler und Architekt hat eine überarbeitete Fassung seiner Installation mit Tisch, vier Stühlen, Ketchup, Senf, Salz und Pfeffer fürs Arsenale angekündigt.

    Allan Wexler, Table for the Typical House, 2010. Der Künstler und Architekt hat eine überarbeitete Fassung seiner Installation mit Tisch, vier Stühlen, Ketchup, Senf, Salz und Pfeffer fürs Arsenale angekündigt.

    Das norwegische Büro Opaform baut Module aus Holz und Wolle, mit denen sich uralte Häuser ohne Eingriff in deren Substanz sanft ergänzen und damit wieder nutzen lassen.
    foto: MIR

    Das norwegische Büro Opaform baut Module aus Holz und Wolle, mit denen sich uralte Häuser ohne Eingriff in deren Substanz sanft ergänzen und damit wieder nutzen lassen.

    foto: MIR

Wie werden wir zusammenleben?

Mit „How will we live together?“ ersucht Kurator Hashim Sarkis die Teilnehmer der 17. Architekturbiennale um Antworten auf die ganz ­große Frage der Menschheit. Wie es scheint, hat er die Architektinnen und Architekten, die er einlud, damit aber nicht überfordert.

Text: Friedrich, Jan, Berlin

Ich muss gestehen: Als Ende 2018 Hashim Sarkis zum Kurator der ursprünglich für 2020 geplanten 17. Architekturbiennale in Venedig ernannt wurde und er dann etwas später sein Thema bekanntgab, da war ich skeptisch. Nicht gegenüber der Ernennung von Sarkis, der als Dekan der School of Architecture and Planning am Massachusetts Institute of Technology (MIT) mit seinem weltweiten Netzwerk der Aufgabe selbstverständlich gewachsen schien. Sondern gegenüber seiner Fragestellung: „How will we live together?“
Drohte da wieder eines dieser Biennale-Themen, unter dem die vom Kurator Eingeladenen im Grunde alles, an dem sie sowieso gerade arbeiten, irgendwie subsumieren können? Wie es, wenn man ehrlich ist, bei der vergangenen Ausgabe 2018 mit „Freespace“ in großen Teilen der Fall war. Und warum musste man nun ausgerechnet die ganz große Menschheitsfrage nach dem künftigen Zusammenleben an die inter­na­tionale Architektenschaft geben? Sollten sich damit nicht zuerst einmal andere Disziplinen, allen voran die Politik vielleicht, befassen und die eine oder andere Antwort geben? Bevor Architektinnen und Architekten Räume dafür schaffen.
Letzteren Vorbehalt entkräftete Sarkis unverzüglich. In seinem ausführlichen Statement zum Thema „seiner“ Biennale begründet er explizit, warum er diese Frage gerade an die Architekten weiterleitet: Schlicht deshalb, weil die Politik bislang keine Antworten geliefert habe und wir es uns nicht leisten könnten, länger darauf zu warten. Und da kommen Architekten nicht von ungefähr ins Spiel, sind sie doch diejenigen, die die Herausforderungen, mit denen die Gesellschaft konfrontiert ist, tagtäglich auf ihren Schreibtischen vorfinden. Schließlich entzünden sich nahezu sämtliche Konflikte unserer Gegenwart an räumlichen Fragen – oder schlagen sich zumindest in räumlichen Fragen nieder.
Hashim Sarkis spricht folgerichtig auch nicht davon, dass die Menschheit zur Organisation ihres künftigen Zusammenlebens einen neuen Gesellschaftsvertrag (social contract) benötige, sondern einen Vertrag über den Raum (spatial contract). Auf den Architektinnen und Architekten dieser Welt lastet nach dieser Lesart eine ungeheure Verantwortung.
Meine andere Sorge, dass sich die Teilnehmer von Sarkis’ Hauptausstellung im Arsenale und im zentralen Pavillon in den Giardini vielleicht nicht besonders tiefgründig mit seiner Fragestellung auseinandersetzen würden, scheint ebenfalls unbegründet gewesen zu sein. Dass ich das jetzt, zum Redaktionsschluss dieser Bauwelt-Ausgabe mehr als eine Woche vor der Eröffnung, schon sagen kann, liegt an der vielleicht einzigen positiven Auswirkung der Pandemie-bedingten Verschiebung der Biennale. Anders als bei allen Veranstaltungen zuvor, wo um die Beiträge ins­besondere der Hauptausstellung ein Riesengeheimnis gemacht wurde, das keinesfalls vor der Eröffnung gelüftet werden durfte, ist die Biennale-Leitung in diesem Jahr ausnehmend offenherzig gewesen. Die Teilnehmer waren ge­rade­zu aufgefordert worden, schon im Vorfeld die Konzepte ihrer Beiträge zu „How will we live together?“ zu kommunizieren. Es scheint Sarkis überaus ernst zu sein mit seiner Aussage, dass wir keine Zeit zu verlieren haben.
Ohne dass dieser Text nun eine vorgezogene, „kalt“ am heimischen Schreibtisch verfasste Rezension der Biennale-Hauptausstellung werden soll (im Anschluss an unseren Besuch in Venedig liefern wir baldmöglichst nach), lässt sich nach Sichtung der angekündigten Beiträge mit ziemlicher Bestimmtheit sagen, dass dieses künftige Zusammenleben, das die Architekten antizipieren, kein geruhsames sein wird. Die Vorstellung, man müsse besondere Räume schaffen, in denen wir unsere Konflikte miteinander aushandeln können, wird einem in Venedig immer wieder begegnen. Eine andere Frage, die es in diesem Kontext unbedingt zu stellen gilt, ist die nach dem „We“. Der Niederländische Pavillon hat seine Ausstellung genau so genannt: Who is We? Insgesamt scheint sich die Auffassung durchzusetzen, dass dieses Wir, dessen Zusammenleben organisiert werden muss, nicht nur alle Menschen umfasst – was komplex genug wäre –, sondern auch Tiere, Pflanzen, Ressourcen, die gesamte Umwelt. Der Anfang vom Ende des Anthropozentrismus? Spannende Zeiten.

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