Babel

Text: Meckseper, Cord, Bremen


Babel

Text: Meckseper, Cord, Bremen

Der Roman der Altorientalistin Kenah Cusanit handelt von Babel, also Babylon, jene mesopotamische Stadt, die mit ihrem Turm zum Begriff mythisch verworfener Großstadt und baulicher Hybris wurde. Genauer geht es um Robert Koldewey, der sie seit 1898 in zwanzigjähriger Arbeit ausgegraben hatte. Nicht sachbuchhaft, sondern atmosphärisch dicht erleben wir ihn die sach­lichen und menschlichen Umstände einer grabungstechnischen Großbaustelle in einer noch osmanisch dominierten, arabischen Welt bewältigen, begleiten ihn durch die einstigen Straßen Babylons, ebenso auch Berlins, wo sich der Kaiser um die Wiedererrichtung des Ischtartors sorgt. Als Forscher deckt Koldewey dagegen die einstige Wirklichkeit Babylons auf: „Von nun an ist die Vergangenheit so gewiß wie die Gegenwart, ist das, was man auf dem Papier sieht, so gewiß wie das, was man berührt“, wird Roland Barthes in „Babel“ zitiert.
Dabei lenkt die Lektü­re den Blick auf einen wichtigen Aspekt der Baugeschichte und ihrer Vermittlung: Koldewey war Architekt. Er hatte das Fach in München, Wien und Berlin studiert und war in der Folge einer jener vielen Architekten, die uns das Verständnis vom Bauen früherer Zeiten erschlossen haben. Wird solches an unseren Architekturfakultäten noch gelehrt? Das Urteil fällt betrüblich aus. Längst eingetreten ist das, was sich bereits im Bericht zur Lage des Fachs „Baugeschichte“ in Bauwelt 40–41.2005 abzuzeichnen begann: Die Geschichte des Bauens wird mehr und mehr von Kunsthistorikern statt von Architekten gelehrt. Mit ihnen geht die qualifizierte Betrachtung jeglicher antiken Baukunst verloren, ihr Schwerpunkt liegt häufig nur noch auf der Neuzeit. Es geht primär um „Architektur“ in ihrem formalen Erscheinungsbild, unbehandelt bleiben ihre funktionalräum­lichen und baukonstruktiven Aspekte, verloren geht das Verständnis, dass Bauen immer ein hochkomplexer Entwurfs- und Realisierungsvorgang ist. Weithin erweist sich inzwischen die Fachbezeichnung „Baugeschichte“ – also Geschichte des Bauens – auf „Architekturgeschichte“ reduziert. Es waren aber doch keine Kunsthistoriker, sondern zu allen Zeiten baupraktisch Erfahrene, die mit ihrem Wissen und Können unsere Umwelt prägten!
Koldewey hatte bereits 1923 den Namen für eine Wissenschaftliche Gesellschaft bauhis­torisch arbeitender Architekten abgegeben, die noch heute aktive „Koldewey-Gesellschaft für historische Bauforschung“, die jedoch leider das Gespräch mit unseren Architekturfakultäten zu scheuen scheint. Wissen um „Baugeschichte“ als hilfreich für Entwurfsarbeit zu begründen, kann sich allerdings nur in Leerphrasen erschöpfen. „Babel“ vermag dagegen zu lehren: Ein unwiderlegbarer Grund jeder Beschäftigung mit historischer Architektur ist ihre konkrete Existenz! Deren Wirklichkeit sind wir verantwortlich. Sie in der ganzen Breite baulicher Aspekte begreifen zu können, bedarf der Lehre auch darin Ausgebildeter.
Fakten
Autor / Herausgeber Von Kenah Cusanit
Verlag Carl Hanser Verlag, München 2019
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aus Bauwelt 17.2019
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