Übers produktive Aufheben

Phänomene der Wiederverwendung in der Architektur

Text: Will, Thomas, Dresdem


Übers produktive Aufheben

Phänomene der Wiederverwendung in der Architektur

Text: Will, Thomas, Dresdem

Von den Kaiserreliefs am Konstantinsbogen zu den neu verwendeten Fassadenkacheln eines Kaufhauses ist es ein weit gespannter Bogen, unter dem Hans-Rudolf Meier in seinem Buch "Spolien" die „Phänomene der Wiederverwendung in der Architektur“ untersucht. Das Werk, Ergebnis eines DFG-Forschungsprojektes, verbindet das Wissen über die fernen Zeugen der Geschichte überaus anschaulich und anregend mit der architektonischen Praxis der Gegenwart. Der naheliegenden Gefahr, kühne Thesen oder trockene Typologien zu entwickeln, entgeht der Autor souverän. Der Kunsthistoriker, Bauarchäologe und Mediävist, der in Weimar Denkmalpflege und Baugeschichte lehrt, geht mit großer analytischer Sorgfalt und Gründlichkeit vor und beherrscht das verfeinerte Instrumentarium seines Metiers.
Es ist kein Lehr-, aber ein gelehrtes Buch, das jedoch mit seiner reich bebilderten Aufmachung über die wissenschaftliche Fachliteratur weit hinausreicht und unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen vermag. Meier nimmt uns mit, dem Phänomen der Spolien – das wir als historischen Sonderfall, poetisches Erinnerungszeichen, abbruchbedingte Alibilösung oder ironische Geste kennen – als einer überzeitlichen Praxis tatsächlich auf den Grund zu gehen. Die Untersuchung ist auf Europa und den mediterranen Raum konzentriert, mit Schwerpunkten bei der Antike, im Mittelalter und in der jüngsten Vergangenheit. Die Spolienverwendung verläuft nämlich nicht kontinuierlich, es gibt „gewisse Konjunkturen […], beispielsweise im Bauen seit 1945“ – eine der zugrundeliegenden Thesen des Buchs. Nimmt man die älteren „Konjunkturen“ hinzu, also Spätantike und Mittelalter, kommt man ins Weiterdenken: Erstarkt die Spolienverwendung in Epochen, in denen auf den Ruinen einer untergegangenen Welt nicht Altes wiederbelebt, sondern Neues fabriziert werden sollte – in einer „Ästhetik der Diskontinuität“? Wie kommt es aber, dass Spolien in der Architektur der modernen Avantgarde offenbar kaum eine Rolle spielen? Hier könnte ein intensiverer Seitenblick auf die bildende Kunst erhellend sein, die doch mit dem ihr zentralen Prinzip der Collage deutliche Bezüge zum Phänomen der Spolien aufweist: von Schwitters bis zu den kritischen Bauteilassemblagen Ai Weiweis.
Die zeitlichen Sprünge im Buch zeigen: Es ist keine historische, sondern – wie der Titel unterstreicht – eine phänomenologische Betrachtung. Sie erfolgt aus fünf unterschiedlichen Blickwinkeln: Spolien als Bedeutungsträger; Objekte und Anwendungsorte; Materialien und ihre Verfügbarkeit; Praktiken und Wirkungsweisen; schließlich Entwurfs- und Gestaltungsfragen. Das Thema wird nicht, wie in Architektenbüchern häufig, programmatisch aufbereitet oder lediglich anschaulich abgehandelt, sondern aus dem gesamten erschließbaren Wissen heraus erforscht und in neuer Synthese dargestellt. So entsteht ein kluges, gut organisiertes Werk, die theoretisch stringente Kartierung eines elementaren und erstaunlich aktuellen Phänomens.
Vorbildlich ist der Umgang mit den teils entlegenen, vielsprachigen Quellen – es ist ein europäisches Buch. Wir stoßen darin auf allerlei Fachbegriffe mit Seltenheitswert, die, gleich Wort-Spolien aus der Welt der Altertumswissenschaften, den in klarer Sprache verfassten Text durchziehen. Auch Begriffe sind ja keine neutralen Instrumente, sondern, wie es für die Spolien beschrieben wird, in ihrer Bedeutung instabil, voll komplexer Botschaften. Die nüchtern-distanzierte Sprache des Bauarchäologen verlässt Meier nur dort, wo es um die Gegenwart geht. Als engagierter Denkmalpfleger kommt er nicht umhin, hier zeit- und gesellschaftskritische Charakterisierungen („die triviale Welt des Shoppens“) einfließen zu lassen.
Der Prolog „Die neue Lust auf das Alte“ lässt zunächst an die retrospektive Seite des Themas denken, doch macht der Autor gleich zu Beginn deutlich, dass er es in einem weiteren Sinne angeht: es geht auch um die neue Lust an der nachhaltigen Weiterverwendung des Materials. So gesehen gehört das Buch, auch wenn es überwiegend historische Phänomene untersucht, als Grundlage und Inspirationsquelle auch in die aktuelle Debatte zur Neubestimmung unserer Leitbilder unter Begriffen wie „Reduce-Reuse-Recycle“, Kreislaufwirtschaft und „Sorge um den Bestand“. Das Prinzip des Sammelns als erinnernde Weltaneignung ist eng verwoben mit der Lust, oder der Not, des Nicht-Wegwerfens, des produktiven Aufhebens von ererbtem Material.
Fakten
Autor / Herausgeber Hans-Rudolf Meier
Verlag Jovis Verlag, Berlin 2020
Zum Verlag
aus Bauwelt 25.2022
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