Bauwelt

Warum nicht Lücken lassen?

Wann „funktioniert“ ein Stadtquartier? Welche Qualitäten braucht es, welche haben lang­fristig Bestand? Eine Diskussionsrunde mit Verena Brehm, Eva Herr, Rainer Johann und Gerko Schröder.

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin; Crone, Benedikt, Berlin; Bruun Yde, Marie, Berlin

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    Rainer Johann, HOWOGE, Berlin
    Foto: Jasmin Schuller

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    Verena Brehm, cityförster, Hannover
    Foto: Jasmin Schuller

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    Eva Herr, Stadtplanungsamtsleiterin Köln
    Foto: Jasmin Schuller

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    Eva Herr, Stadtplanungsamtsleiterin Köln

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    Gerko Schröder, Treibhaus Landschaftsarchitektur, Hamburg
    Foto: Jasmin Schuller

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    Gerko Schröder, Treibhaus Landschaftsarchitektur, Hamburg

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    Treibhaus Landschaftsarchitektur planten in der Seestadt Aspern in Wien den Seepark und den
    Yella-Hertzka-Park mit Spielplätzen und Seeufer.
    Foto: Luiza Puiu

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    Treibhaus Landschaftsarchitektur planten in der Seestadt Aspern in Wien den Seepark und den
    Yella-Hertzka-Park mit Spielplätzen und Seeufer.

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    Die Planung des 25 Hektar großen Clouth-Quartiers auf dem Gelände der ehemaligen Clouth Gummi­werke in Köln begann vor über 20 Jahren. Inzwischen ist der Bau fast abgeschlos­sen.
    Foto: moderne stadt/Bernd Fischer

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    Die Planung des 25 Hektar großen Clouth-Quartiers auf dem Gelände der ehemaligen Clouth Gummi­werke in Köln begann vor über 20 Jahren. Inzwischen ist der Bau fast abgeschlos­sen.

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    Bis 2026 entsteht in Hannover-Kronsberg das Eco­village.
    Illustration: CITYFÖRSTER und studiomauer

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    Bis 2026 entsteht in Hannover-Kronsberg das Eco­village.

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    Für die HOWOGE planten blocher partners in Berlin-Adlershof das Quartier „Wohnen am Campus“ (Vordergrund) mit bogenförmig gestalteten Erdgeschossen, Gewerbe zur Parkseite und begrünten Höfen.
    Foto: Joachim Grothus

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    Für die HOWOGE planten blocher partners in Berlin-Adlershof das Quartier „Wohnen am Campus“ (Vordergrund) mit bogenförmig gestalteten Erdgeschossen, Gewerbe zur Parkseite und begrünten Höfen.

    Foto: Joachim Grothus

Warum nicht Lücken lassen?

Wann „funktioniert“ ein Stadtquartier? Welche Qualitäten braucht es, welche haben lang­fristig Bestand? Eine Diskussionsrunde mit Verena Brehm, Eva Herr, Rainer Johann und Gerko Schröder.

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin; Crone, Benedikt, Berlin; Bruun Yde, Marie, Berlin

... zur Legitimität der Stadt auf der grünen Wiese, Nachver­dichtung und Verland­schaft­lichung, zu scheiternden Architekturwunderländern, Kompromissbereitschaft, Regulierungs- und Justierungsmöglichkeiten.
Wie definieren Sie ein lebenswertes Stadtquartier?
Eva Herr Die Leitsätze haben sich seit 20 Jahren nicht verändert: Was früher die „Stadt der kurzen Wege“ war, heißt heute „15-Minuten-Stadt“ und beruht auf der Idee, dass Quartiere eine große Zahl an Bedürfnissen abdecken und vielen Bevölkerungsgruppen die Möglichkeit geben sollten, dort zu leben oder sich aufzuhalten. Das heißt: Wohnraum in unterschiedlichen Preisklassen und Ausstattungen, aber auch Arbeitsplätze, eine gewisse Zahl an Schulen, Kitas und Einkaufsmöglichkeiten, Cafés, Restaurants, Parks, Mobilitätsangebote. Aspekte, die heute allerdings stärker beleuchtet werden, sind die Themen der Dichte und des Klimawandels.
Spannend ist, dass es Quartiere gibt, die hundert Jahre alt sind, sich sozial unterschiedlich zusammengesetzt haben und in verschiedenen Epochen unterschiedlich wahrgenommen wurden. In den 1970er und 80er Jahren waren es in Köln die Gründerzeitquartiere, heute sind es die Großsiedlungen, mit denen wir uns beschäftigen mussten und müssen. Für jemanden, der wie ich für die öffentliche Hand arbeitet, sind die Lehren interessant, die sich aus den Eigenarten der unterschiedlichen Quartiere ziehen lassen. Denn sie geben Hinweise darauf, wie sich Stadt weiterentwickeln lässt – gerade da wir viele neue Quartiere ausschreiben und uns fragen: Was schreiben wir in die Wettbewerbsauslobung?
Welche Qualitäten sehen Sie denn bei historischen Quartieren? Beim Gründerzeitquartier ist man sich heute weitgehend einig, dass das ein machbarer Weg ist, aber was ist vom Siedlungs- und Städtebau der Nachkriegsjahrzehnte zu holen?
Eva Herr In den Kölner Stadtteilen Chorweiler oder Finkenberg hat man versucht dicht zu bauen, Nutzungsmischungen und einen guten ÖPNV-Anschluss zu schaffen, eine gute Grüninfrastruktur zu planen. Dabei hatte man ein etwas anderes Bild als heute davon, wie Mobilität funktioniert. Wir haben aktuell Fördergelder ab­gerufen, um diese Quartiere aufzuwerten, in Zusammenarbeit mit städtischen und privaten Wohnungsbauunternehmen. Eine Erkenntnis ist, dass man sich mit bestimmten Quartieren über einen längeren Zeitraum beschäftigen muss, um sie zu stabilisieren. Auch die Gründerzeitquartiere waren einmal Gegenstand umfassender Stadtsanierungsprogramme.
Viele Neubauquartiere entstehen heute am Stadtrand. Wie geht man damit um, dass die Menschen, die in Randlagen ziehen, dieselben berechtigten Ansprüche haben wie Menschen, die in der Innenstadt wohnen? Anders: Wie schafft man es, am Rand Quartiere zu entwickeln, ohne die Innenstadt zu kopieren?
Verena Brehm Es gibt innerstädtische Qualitäten, die man in dieser Lage nicht kopieren, sondern adaptieren muss. Hinzu kommt der Wunsch, der Natur oder Landschaft näher zu sein. Wir diskutieren im Büro, ob es richtig ist, sich an Projekten auf der grünen Wiese zu beteiligen. Angesichts des Wohnungsdrucks und des Drucks auf den Arbeitsmarkt ist es aber eine Notwendigkeit, die Stadtrandlagen zu entwickeln. Voraussetzung ist eine gute ÖPNV-Anbindung. Unser Ansatz ist es, die Landschaft als „Bestand“ in den Vordergrund zu stellen. Wir müssen uns mit vorhandenen Qualitäten auseinandersetzen. In Randlagen können durch den Freiraum Quali­täten geschaffen werden, wie es in innerstädtischen Lagen und Umbauquartieren nicht mehr möglich ist.
Besteht ein Widerspruch zwischen dem Wunsch nach einerseits Dichte und Durchmischung und andererseits Grünflächen?
Verena Brehm Die Freiräume übernehmen viele unterschiedliche Funktionen. Zusammenhängende Grünflächen, die auch mikroklimatisch Wirkung entfalten, die beim Regenwassermanagement und der Biodiversität helfen, sollten das Rückgrat dieser neuen Quartiere bilden. Gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, dass Menschen Orte haben, an denen sie sich treffen können. Damit hat die Landschaftsarchitektur einen großen Anteil daran, dass diese Quartiere funktionieren. Es kommt auch stark auf die Kapazität der Freiräume an, was in den Siedlungen der Nachkriegsmoderne nicht so gut funktioniert. Sie sind monofunktional strukturiert. Wenn man dort die Kapazität der Nutzung erhöhen könnte, hätte man schon viel erreicht.
Für „Dichtelust“ sorgt man mit einer Vielzahl an Programmen, sozialer Infrastruktur, Ver­sorgung, unterschiedlichen Angeboten an Wohn- und Arbeitsformen sowie – im Unterschied zu den Nachkriegssiedlungen – typologischer Vielfalt. Das ist auch grundlegend für die Möglichkeit einer sozialen Mischung. Bau- und Freiraumstruktur müssen zusammen und in Relation zu dem, was schon da ist, entworfen werden. Großflächige, grüne Pufferzonen sind in dichteren Baublöcken nicht mehr gleichermaßen möglich, aber Entsiegeln oder Begrünen kann man überall.
Rainer Johann Ich würde diese Gegensatzpaare von Zentrum und Peripherie sowie Stadt und Land hinterfragen. Begriffe wie „grüne Wiese“ und „weißes Blatt“ spiegeln ein Denken aus dem 20. Jahrhundert wider. Am Ende ist jeder Ort, ob in der Stadt oder außerhalb, mit ähnlichen Pro­blemen und Potenzialen konfrontiert. Wenn man beispielsweise das Thema Ökologie nimmt, gilt es, darauf – unabhängig vom Standort – Antworten zu finden. Außerdem gibt es, egal wo man baut, die Einstellung „not in my backyard“. Insofern sind auch die Widerstände überall gleich.
Wir haben in den 90er Jahren gesehen, wie sich die Architekten und Städtebauerinnen an Zeilen abgearbeitet haben. Ich denke, man muss stärker aus dem Ort heraus, mit den Menschen vor Ort arbeiten, aber auch mit dem Boden, der Natur, der Ökologie, dem Wind als lokale Gegeben­heiten, anstatt uns an den überholten Leitbildern der durchmischten Stadt und der 15-Minuten-Stadt abzuarbeiten.
Aber der Minimalanspruch ist doch schon, eine gewisse Mischnutzung zu erreichen, sodass die Bewohner vor Ort Treff- und Einkaufsmöglichkeiten haben. Wie kann man verhindern, dass die neuen Quartiere am Stadtrand wieder zu „Schlafstädten“ werden? Die Tendenz geht doch schnell dahin, den Wohnraum vorzuziehen.
Gerko Schröder Ich finde die eierlegende Wollmilchsau – die gemischte Stadt, das Quartierszentrum und Wohnen im Grünen gleichzeitig – schwierig. Deswegen gleichen sich Wettbewerbe und Quartiere deutschlandweit. Wir haben oft mit Projekten auf einem Stück Restacker zu tun, auf dem man eine große Zahl an Wohneinheiten nachweisen und gleichzeitig die Versorgung im Grünen sichern soll. Wenn nur ein schmales grünes Band übrigbleibt – ist das dann der Landschaftsraum, den es braucht, oder versucht man nur irgendetwas als Alibi hinzubasteln? Wir arbeiten gerade an einem Wettbewerb, in dem fast keine gemeinschaftliche oder gewerbliche Erdgeschossnutzung vorgesehen ist. Diese geringe Fläche schiebt man dann an einem kleinen Plätzchen zusammen, um noch irgendetwas Lebendiges hinzukriegen. Da frage ich mich: Sollte man nicht stärker unter der Berücksichtigung der Eigenart der Quartiere experimentieren?
In Hamburg gibt es wenige, noch nicht vollständig gebaute Beispiele. Die Gartenstadt Öjendorf bekommt einen eigenständigen Charakter, ist für heutige Verhältnisse zwar wenig dicht, hat dafür aber viele private und gemeinschaftliche Freiräume. Dann gibt es Oberbillwerder als großes Experiment mit einer sehr heterogenen Struktur und die HafenCity, die sehr urban ist. Man hat jeweils versucht, spezifische Quartiere zu planen, die nicht alles erfüllen müssen.
Muss man den neuen Quartieren mehr Zeit einräumen, um sich zu entwickeln? Was bedeutet der Faktor Zeit?
Eva Herr Bei den Quartieren der Nachkriegsmoderne gab es die Idee des Abstandsgrüns, der Rasenflächen zwischen den Hochhauszeilen. Inzwischen haben manche dieser Quartiere einen fantastischen älteren Baumbestand, dort wohnt man jetzt wie im Wald. Das sind Qualitäten, die man anfangs vielleicht gar nicht auf dem Schirm hatte. Nachverdichtung denken wir immer im Sinne von Baumasse. Man kann aber auch Grün nachverdichten oder aufwerten.
Ich verstehe, dass man es kritisch sieht, draußen auf der grünen Wiese zu bauen. Die Frage ist immer, inwieweit wir es trotzdem machen müssen, weil der Bedarf da ist. Ich sehe aber ein Potenzial in den Ackerflächen, die keine hohe ökologische Wertigkeit haben. Dort könnte man durch diversere Grünstrukturen in Kombination mit Bebauung andere Ökologie- und Freiraumqualitäten in die Quartiere integrieren. Es muss nicht viel Fläche sein. Wir haben jetzt Entsiegelungsprogramme, auch durch das Thema Klimawandel. Dabei fragen wir uns: Wie kriegt man das Grün in die bebaute Stadt, wo man es früher nicht hatte? Lange war man froh über die Parkplätze an der Straße und wollte keine Bäume, deren Laub man wegfegen muss. Heute denken wir anders. Kurz: Es gibt Dinge, die man, wenn man die Quartiere entwickelt, noch nicht auf dem Schirm haben kann. Stadt ist nie fertig.
Welche Quartiere erscheinen vorbildlich oder zumindest vielversprechend? Wo wurde ein gewisser Prozentsatz dieser Planungswünsche umgesetzt?
Gerko Schröder Die Seestadt Aspern in Wien ist spannend. Das ist ein ganzer Stadtteil mit 25.000 Bewohnern auf der grünen Wiese. Hier wurde von Anfang an darauf geachtet, ein Stück Stadt mit einer hohen Freiraum- und Lebensqualität zu entwickeln. Hier wird viel experimentiert und immer wieder angepasst, zum Beispiel was Mobi­lität und die Partitur der öffentlichen Räume betrifft. Der Freiraum ist hier ein zentrales Element, außerdem sind die Österreicher vorn mit dabei, Straßenräume klimatisch neu zu denken und zu gestalten.
Und trotz dieses hohen Anspruchs, sieht man an vielen Stellen, wie sie scheitern. Einen Teil haben sie gebaut und dann festgestellt, dass die Versiegelung zu hoch ist. Jetzt fangen sie – kurz nach der Realisierung – wieder an, den Asphalt aufzuschneiden und Bäume zu pflanzen. Auch bei der Architektur der einzelnen Blöcke sieht man, dass die Vielfalt zu groß ist und als eine Art „Architekturwunderland“ auseinanderfällt. Es wird spannend, wie das in dreißig, vierzig Jahren aussieht. Quartieren muss man auf jeden Fall Zeit geben, um sie richtig beurteilen zu können.
Eva Herr In Köln ist das Clouth-Quartier fast fertig. Es ist ambitioniert gebaut. Wir haben mit Baugruppen gearbeitet, um ein gemischtes Quartier hinzubekommen. Es handelt sich um eine Konversionsfläche, eine ehemalige Gummifabrik mit großzügigen Freiräumen. Zwar ist nicht so viel historischer Bestand erhalten worden wie ursprünglich gewollt, aber doch einiges, was erheblich zur Qualität beiträgt. Wie geht man mit Bestand um, der nicht mehr für die Nachnutzung taugt? Wirtschaftlich ist es in der Regel attrak­tiver, Tabula rasa zu machen, aber der Bestand und seine Geschichte verankern die Quartiere und geben den Menschen etwas, woran sie sich festhalten können.
Der Bestand unterstützt auch eine Mischnutzung. Eine eingeschossige Werkhalle bietet sich vielleicht nicht für das Wohnen, aber für einen Supermarkt an.
Eva Herr Genau. Es gibt aber schon jetzt eine Debatte, ob man aus heutiger Perspektive dort alles ein bisschen dichter hätte bauen sollen.
Im Hochbau hat man mit permanenteren Strukturen zu tun als in der Landschaftsarchitektur. Gibt es, wenn sich die Perspektive in solchen langjährigen Prozessen ändert, noch Justierungsmöglichkeiten?
Eva Herr Die Instrumente haben wir. Für das Clouth-Quartier gab es einen Bebauungsplan, der auch die Dichte gesteuert hat. Aber das Bau­gesetzbuch, das in Abschnitten wieder novelliert worden ist, bietet Möglichkeiten, nachzusteuern. Auch mit dem Ziel, Dichten zu erhöhen.
Gerko Schröder Wir haben im Büro öfter das Thema „lernender Masterplan“ diskutiert. Auch im Blick auf die HafenCity fragt man sich: Warum lassen sie dort nicht zwischendrin mal eine Lücke? Mit 15 Jahren Abstand und neuen Bedingungen hätte man vielleicht andere Nutzungen oder andere Typologien gewählt. Auch in München wird gerade in Massen gebaut. Klar gibt es immer ein übergeordnetes Konzept, aber vielleicht wäre es in manchen Quartieren gut, Lücken zu lassen, zeitversetzt zu entwickeln und so Vielfalt und Anpassung durch einen Lernprozess zu ermöglichen. Aber mit den wirtschaftlichen Bedingungen, die wir gerade haben, wird ein Quartier in einem Guss ohne Anpassungsmöglichkeiten entschieden und realisiert.
Rainer Johann Der Faktor Zeit kommt zu kurz. In Berlin gab es in den 1990er Jahren beispielsweise viele städtebauliche Entwicklungsmaßnahmen, Planung neuer Vorstädte, die mit einer kompakten Kubatur und baulichen Dichte ins Rennen gegangen sind. In den Nuller Jahren ließ aber das Bevölkerungswachstum nach, die Förderung von Mietwohnungen brach weg. Statt dichter Quartiere entstanden Townhouses und Einfamilienhäuser. Aus heutiger Sicht fragt man sich, wie das passieren konnte.
Bauen braucht Kapital, bei wenig Eigenkapital zusätzlich Kredite, Subventionen wie in den 90ern oder internationales Geld. Aber was, wenn der Wohnungsmarkt sich ändert, die Nachfrage wegbricht oder aktuell das Angebot? Welche Strategien hält die Stadtplanung zur Anpassung an den volatilen Wohnungsmarkt bereit? Ich glaube, es ist weniger eine Frage der Instrumente als der Akteure und Akteurinnen – und inwiefern diese in der Lage sind, zu improvisieren, Projektentwicklungen zeitlich zu gliedern –, aber vor allem einer gemeinwohlorientierten und langfristigen Bodenpolitik der Kommunen.
Eva Herr Uns als öffentlicher Hand wirft man eher vor, dass alles zu langsam geht. Im Moment haben wir das Problem, dass wir Wohnraum brauchen – da lässt sich nichts verzögern. Interessant ist im Blick auf die Gründerzeitquartiere, dass auch sie in einem kurzen Zeitraum aus dem Boden gestampft wurden und später angepasst werden mussten. Beispielsweise sind bei Stellplätzen heute nicht mehr die Autos das Problem, sondern die Fahrräder. Das ist die Krux an der Entwicklung von Quartieren: Da werden Trends drüber gehen, die wir jetzt nicht im Blick haben können. Es wird immer eine Adaption geben.
Befinden wir uns in einem Dilemma, wenn die Politik Wohnungen einfordert und Neubaugebiete in Massen bauen lässt, statt Umbau vor Neubau zu priorisieren? Sollten wir nicht in der Innenstadt bauen, die schon versiegelt ist, statt wie vor fünfzig Jahren auf der grünen Wiese?
Verena Brehm Die Frage ist, warum es so ist. Warum stockt man nicht mehr auf? Warum füllt man keine Baulücken oder nutzt die Parkplätze der Supermärkte? Studien weisen riesige Nachverdichtungspotenziale nach. Entwicklerinnen und Investoren haben aber Vorbehalte, beispielsweise hybrid zu bauen und Wohnen mit anderen Nutzungen zu kombinieren. Wir haben in Hannover ein Parkhaus mit einem Wohngeschoss aufgestockt – solche Prototypen muss man pushen. Wenn wir eine 60er-Jahre-Wohnsiedlung aufstocken wollen, gibt es Konflikte mit dem Tiefbau und den Stellplätzen. Da herrschen teilweise antiquierte Vorstellungen vom Bedarf und davon, was Mobilität sein kann. Weitere Schwierigkeiten sind Brand- und Schallschutz, für Erleichterungen soll die Umbauordnung sorgen.
Eva Herr In Köln will die Stadt eingeschossige Supermarktgrundstücke entwickeln und arbeitet mit den Betreiberinnen und Anbietern zusammen, wenn sie sich dazu bereiterklären, aufzustocken. Da gibt es schon eine geänderte Nachfrage.
Verena Brehm Ich würde mir eine ämterübergreifende Organisation wünschen, weil dann die Gespräche viel effizienter sind. Sonst sprechen wir erst mit dem Planungsamt, die sprechen dann mit dem Tiefbau und irgendwann kommt der Fachbereich Grün dazu. Das ist mühselig. Die Ämter tauschen sich auch untereinander nicht aus, es gibt keine gemeinsame Haltung dazu, wie man mit Nachverdichtungsprojekten umgeht. Jedes Amt bringt Maximalforderungen ein. Das macht Projekte träge und teuer. Verwaltungsintern neue Organisationswege zu gehen und gemeinsame Prozesse zu beschleunigen, würde viel bringen.
Rainer Johann In Berlin ist es ein Problem, dass sowohl der Bezirk als auch die Landesregierung so stark sektoral organisiert sind. Die Standards wurden in jedem Fachbereich – sicherlich zurecht – erhöht. Aber in der Summe sind die Anforderungen zu groß, sodass sich das Bauen kaum noch umsetzen lässt. Es braucht ein Format, in dem man frühzeitiger mit den Akteuren und Akteurinnen zusammenkommt und Abhängigkeiten auslotet. Nötig wäre eine Lockerung oder zumindest ein performativer Prozess, in dem man sich von diesen absoluten Forderungen löst, die jedes Fachamt stellt, und zu einer Kompromisskultur kommt, die diesen „Planungs-Lockdown“ lockert. So könnte eine neue Dynamik entstehen, bestenfalls eine Freude am Bauen und Weiterbauen.
Welche Rolle spielt Gestaltung? Kees Chris­­ti­aanse hat gesagt, dass eine gute Stadt auch schlechte Architektur aushalten können muss. Aber die Häuser bauen den öffentlichen Raum auch mit.
Rainer Johann Es gibt die Prägung in den Niederlanden, die sich stärker auf Prozesse als auf die Gestaltung bei der Stadtentwicklung richtet. Dieser Haltung liegen ein Selbst- oder Raumverständnis und Planungskultur zugrunde, die ihren Ursprung in den Niederlanden bei der Schaffung des eigenen Landes in der Auseinandersetzung mit dem Meer hat. Da ging es beim Planen und Bauen ums nackte Überleben. Es bedurfte der Kooperation. Die Form war mehr Produkt und Ergebnis als Anfang. Dieser Ansatz mag angesichts der aktuellen Herausforderungen des Klimawandels aktueller denn je sein. Er könnte helfen – bedarf aber weniger Architektinnen, die sich als Baukünstlerin verstehen, als Prozessgestalterin.
Gerko Schröder Viele Städte arbeiten daran, bei der Gestaltung qualitätssichernde Maßnahmen einzubringen. Gestaltungsbeiräte und Jurys haben Einfluss auf Wettbewerbe, städtebauliche und hochbauliche Projekte. Man ist dann manchmal doch überrascht, was trotz dieser Maßnahmen gebaut wird. Da braucht es den langen Atem und das Immer-Wieder-Draufschauen, bis das gute Bauvorhaben steht.
Verena Brehm Es ist nicht so, dass ein guter Städtebau eine gute Architektur sichert. Man braucht die Qualitätssicherung vom städtebau­lichen Verfahren bis zum Wohnbau- und Freiraumwettbewerb sowie die Begleitung des Quartiers, nachdem es gebaut wurde.
Also ist die Form-Debatte der 90er Jahre – Blockbau versus Zeilenbau und kleine Parzellen versus Großstrukturen – überholt?
Verena Brehm Für mich ist eine Grundlage eines Quartiers, eine typologische Vielfalt zu ermöglichen, angefangen bei der Parzellierung von klein bis groß und weiter mit der architektonischen Ausformulierung. Das hat auch etwas mit Trägerschaften zu tun. Es muss uns gelingen, unterschiedliche Menschen an der Realisierung zu beteiligen: kleine Baugruppen und Wohnungsbaugesellschaften.
Rainer Johann Die Parzellierung ist Ausdruck von Grund, Boden und Eigentum und damit die Grundlage für Typologien, Wohnungsschlüssel und die Frage nach sozialer Mischung. Wenn es um große Quartiere geht, ist es am besten, wenn viele Akteure bauen – private Eigentümerinnen genauso wie Baugruppen, Genossenschaften und landeseigene Wohnungsbaugesellschaften. Es braucht eine ökonomische Mischung der Mieterschaft des Quartiers, um eine sozioökonomische Stabilität zu schaffen. Bei homogenen Quartieren mit vielen Transferleistungsempfängern ist es schwierig, einen kassenärztlichen Sitz anzusiedeln. Oder Gescäfte – die Kaufkraft ist zu schwach. Es gibt viele Argumente für Mischung, die am besten durch unterschiedliche Trägerinnen, Eigentümer und Akteurinnen gewährleistet wird. Das hat mit Architektur zu tun, aber auch mit einer sozioökonomischen und einer soziokulturellen Mischung. Da kann ich nicht allein auf eine urbane Form oder Typologie zurückgreifen.
Verena Brehm Es ist wichtig, eine Asymmetrie in der Planung zu ermöglichen: Einerseits wollen wir die Qualität langfristig sichern und brauchen für Teilbereiche detailliertere Festsetzungen, andererseits muss die Planung Offenheit und Spielräume lassen, um auf Unerwartetes reagieren zu können. Durch die Kombination verschiedener Planungsinstrumente haben wir Steuerungsmöglichkeiten. Ich denke zum Beispiel an Rahmenpläne mit gestalterischen Leitlinien oder Gestaltungshandbücher.
Eva Herr Es ist schwer, dafür ein Rezept zu entwickeln. Es gibt Beispiele für homogene, durchgestaltete Quartiere, wie den Siedlungsbau der 1920er Jahre, die aus heutiger Sicht noch sehr gut funktionieren. Trotzdem gibt es auch gute Gründe für Vielfalt. Bei aller Kreativität und Heterogenität geht es darum, zumindest im Grundsatz eine Lesbarkeit und einen gestalterischen Zusammenhang für das Quartier herzustellen.
Was wäre ein „unlesbares“ Quartier?
Eva Herr Wenn ein Gebäude nach dem anderen gebaut wird, ohne dass sich jemand darüber im Klaren ist, in welchem Kontext er baut. Das passiert, wenn Quartiere in unterschiedlicher Eigentümerschaft nebeneinander isoliert entwickelt werden und sich niemand über öffentliche Räume Gedanken macht. Solange es einen Masterplan und eine Steuerung über qualitätssichernde Verfahren gibt, passiert das eigentlich nicht.
Kann eine Lesbarkeit, ein eigener Charakter, einem Quartier auch in Randlage zum Funktionieren verhelfen?
Gerko Schröder Durchaus. Ich plädiere für mehr Quartiere mit eigener Identität. Quartiere dürfen spezifische Orte sein. Es gibt Beispiele, wo etwas gewagt wird, etwa Quartiere, die erstmal zu dicht wirken, und dann finden sich dort aber neue Lebensmodelle wieder. Das hat mit einer Unterscheidbarkeit von Stadträumen zu tun. Wo geht man gerne hin, um etwas zu sehen, das einen anspricht oder inspiriert? Das ist oft schwierig, weil alles sehr ähnlich ist. Identitäten über neue Strukturen und Typologien zu suchen, fände ich wichtig. Dann entwickelt sich vielleicht auch ein eigenartiger Charakter, der überregional stärker unterschieden werden kann.
Verena Brehm
ist Architektin und Gründungspartnerin von Cityförster. Seit 2022 ist sie Professorin für Entwerfen im städtebaulichen Kontext an der Universität Kassel.
Eva Herr
ist Architektin und leitet das Stadtplanungsamt in Köln.
Rainer Johann
ist promovierter Stadtplaner und Projektleiter für Neubauprojekte bei der städtischen Wohnungsbaugesellschaft HOWOGE.
Gerko Schröder
ist Landschaftsarchitekt und Geschäftsführer von Treibhaus Landschaftsarchitektur in Hamburg.

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