Wir standen vor der Lostrommel und haben Architekturbüros gezogen

Wie das Projekt der 16 Architekturstationen der Remstal Gartenschau entstand und wie die Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden und Architekten lief, erzählte uns Matthias Klopfer, der Oberbürgermeister von Schorndorf.

Text: Flagner, Beatrix, Berlin

    Matthias Klopfer, Oberbürgermeister der Stadt Schorndorf und Aufsichtsratsvorsitzender bei der Remstal Gartenschau
    Foto: Stadt Schorndorf/Nicole Amolsch

    Matthias Klopfer, Oberbürgermeister der Stadt Schorndorf und Aufsichtsratsvorsitzender bei der Remstal Gartenschau

    Foto: Stadt Schorndorf/Nicole Amolsch

    Station 1, Markante Treppe, von Harris und Kurrle Architekten, Stuttgart
    Foto: Peter Schlipf

    Station 1, Markante Treppe, von Harris und Kurrle Architekten, Stuttgart

    Foto: Peter Schlipf

    Station 2, Freiheitsstatue von Brandlhuber+, Berlin
    Foto: Marta Dyachenko

    Station 2, Freiheitsstatue von Brandlhuber+, Berlin

    Foto: Marta Dyachenko

    Station 9, Monopteros von Burger Rudacs Architekten, München
    Foto: Authentic Studios

    Station 9, Monopteros von Burger Rudacs Architekten, München

    Foto: Authentic Studios

    Station 10, Rosenpavillon von Schulz und Schulz, Leipzig
    Foto: Gemeinde Remshalden

    Station 10, Rosenpavillon von Schulz und Schulz, Leipzig

    Foto: Gemeinde Remshalden

    Station 13, Wengerter Häuschen, von Kuehn Malvezzi, Berlin
    Foto: Gemeinde Kernen

    Station 13, Wengerter Häuschen, von Kuehn Malvezzi, Berlin

    Foto: Gemeinde Kernen

    Alle Architekturstationen der Remstal Gartenschau finden Sie hier.
    Bild: Gartenschau Remstal

    Alle Architekturstationen der Remstal Gartenschau finden Sie hier.

    Bild: Gartenschau Remstal

Wir standen vor der Lostrommel und haben Architekturbüros gezogen

Wie das Projekt der 16 Architekturstationen der Remstal Gartenschau entstand und wie die Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden und Architekten lief, erzählte uns Matthias Klopfer, der Oberbürgermeister von Schorndorf.

Text: Flagner, Beatrix, Berlin

Wie entstand die Idee zu den 16 Architekturen?
Wir hatten überlegt, wie wir die Gartenschau Remstal zusammenhalten können. Sie erstreckt sich auf achtzig Kilometer, über zwei Regionen, drei Landkreise und 16 Städte – das gab es vorher noch nie. Ein verbindendes Element ist ein neuer Radweg, ein anderes ein Wanderweg mit zweihundert Kilometer Länge. Wir wollten aber noch mehr. Gemeinsam mit den Landschaftsarchitekten Jörg Stötzer und Christoph Luz haben wir die Idee von 16 Landmarken entwickelt, woraus 16 weiße Kapellen wurden, daraus wiederum 16 weiße Stationen und zum Schluss 16 Stationen. Die Farbe „weiß“ war an einigen Stellen wegen des Landschafts- und Naturschutzes nicht realisierbar.
Kennen Sie das Projekt BUS:STOP, bei dem
internationale Architekturbüros Haltestellen im Vorarlberg realisierten. War das ihr Vorbild?
Das Projekt hatten wir tatsächlich im Kopf. In Schorndorf arbeiten wir parallel mit einem Architekten aus dem Vorarlberg an einer Kapelle. Jedoch kam der Input in erster Linie von Thomas Bopp, der Vorsitzende des Verbands Region Stuttgart, der Architekt ist und das Projekt BUS:STOP kannte.
Musste man bei der ein oder anderen Gemeinde erst Überzeugungsarbeit leisten, bevor sie bei dem Projekt mitgemacht hat?
Das war teilweise anstrengend. Es sind dann doch 16 unterschiedliche Kommunen, bei denen wir jeweils einen Beschluss des Gemeinderates brauchten. Auch die Standortwahl war zum Teil nicht leicht.
Also wurde erst der Standort bestimmt und dann der Architekt?
Genau, jeder Bürgermeister hat sich gemeinsam mit seinem Stadtplanungsamt Gedanken gemacht, welcher der geeignete Ort sein könnte. Dieses Baufeld wurde den Architekten vorgeschlagen. Natürlich gab es hier und da kleinere Korrekturen, manchmal wurden Baufelder ausgesucht, bei dem dann das Regierungspräsidium intervenieren musste, da sie in Naturschutzgebieten lagen.
Wie verlief die Auswahl der Architekturbüros?
Das hat Kuratorin Jórunn Ragnarsdóttir übernommen. Lederer Ragnarsdóttir Oei, als ein Architekturbüro aus der Region, ist mit herausragenden Projekten bundesweit bekannt und vernetzt. Das war unser Sechser im Lotto mit Zusatzzahl. Jórunn Ragnarsdóttir hatte eine Liste zusammengestellt, natürlich mit mehr als 16 Namen darauf, aber interessanterweise haben alle Architekten direkt zugesagt. Es ist für einen Architekten ja auch eine wunderbare Aufgabe: Ohne einen vorangegangenen Wettbewerb, ein kleines, feines Projekt an einem Ort zu realisieren, an dem man normalerweise gar nicht bauen darf.
Gab es zu irgendeinem Zeitpunkt auch die Idee das Projekt mit ortsansässigen Büros zu realisieren?
Nein. Wir haben Jórunn Ragnarsdóttir vollkommen vertraut, dass sie eine Auswahl trifft, die eine gute Mischung aus renommierten Büros und Nachwuchsbüros ist.
Die Architekten wurden per Los den jeweiligen Gemeinden zu geordnet. Gab es einen Architektentausch unter den Gemeinden? Oder zumindest einen neidvollen Blick auf das Projekt in der Nachbargemeinde?
Das muss man sich mal vorstellen: Da standen 16 Bürgermeister und Oberbürgermeister vor einer Lostrommel und haben Architekturbüros ge­zogen, die sie im Regelfall nicht kannten. Als ich Schneider+Schuhmacher gezogen habe, hat mir der Büroname nichts gesagt, das muss ich ehrlich zugeben. Deswegen gab es auch keine neidvollen Blicke in die Nachbargemeinden. Am Ende wollen wir ja alle dasselbe: Die Baukultur im Remstal vorantreiben. Und das Schönste an dem ganzen Projekt ist ja, dass unverhoffte, weitere Zusammenarbeiten entstanden sind: Mit dem Büro Schneider+Schuhmacher haben wir jetzt eine Konzeptstudie zum Busbahnhof in Schorndorf gemacht. In Lorch möchte man gern mit dem Büro Staab ein Projekt realisieren.
Welche Vorgaben gab es an die Architekten?
Die einzige Vorgabe war, dass es nicht mehr als 70.000 Euro kosten darf. Und natürlich gab es die Bedingung, dass es ein schöner Entwurf sein muss, der sich gut im Landschaftsraum einfügt – und prägnant ist. Diese Offenheit hat ja auch erst ermöglicht, dass von skulpturalen Objekten bis hin zu Türmen und Hütten alles dabei ist.
Konnte man als Bauherr intervenieren, wenn einem der Entwurf nicht gefiel?
Nur wenn der Kostenrahmen nicht eingehalten wurde. Teilweise mussten daraufhin die Entwürfe angepasst werden. Oder der Entwurf musste geändert werden, wenn das Regierungspräsidium einen Standort abgelehnt hat.
Die Miniatur einer Freiheitsstatue, eine Treppe am Remsursprung, das Gestell eines Hauses mit Kamin, aber ohne Dach und Wände – wie werden solche Projekte, die zwischen Architektur und Kunst im öffentlichen Raum changieren, von den Bewohnern angenommen? Brauchte es manchmal einer ergänzenden Erläuterung?
Zum Teil musste bei den Bürgern schon Überzeugungsarbeit geleistet werden. Bei der Treppe am Remsursprung ist es aber das Gegenteil: Alle sind begeistert. Die Freiheitsstatue in Mögglingen, benötigte tatsächlich Erklärung. Dort gab es eine ähnliche Skulptur, die von einer Bürgerinitiative aufgestellt wurde. Im Ort wurde Jahrzehnte für eine Umgehungsstraße gekämpft, die dieses Jahr endlich fertiggestellt wurde.
Bei BUS:STOP wurden die Haltestellen von
lo
kalen Handwerkern und der Bevölkerung errichtet? War das im Remstal auch der Fall?
Es wurden zum großen Teil örtliche Zimmereien beauftragt, teilweise wurden Bauteile aber auch wo anders hergestellt oder zusammengesetzt und ins Remstal gebracht.
Die Gartenschau findet bis zum 20. Oktober statt. Werden die Pavillons in der Zeit bespielt?
Die Pavillons stehen vor allen Dingen für sich. Die Entscheidung, ob die Station in einem Programm eingespannt wird, liegt bei jeder Gemeinde. Es gibt jedoch die sogenannte Highlight-Woche, in der die Kommune Veranstaltungen und Aktionen zu einem bestimmten Schwerpunkt organisiert und die Pavillons eingebunden werden.
Was passiert mit ihnen nach der Gartenschau?
Die Architekturen werden stehen bleiben.
Was sind ihre drei Favoriten?
Ich nehme mal meine eigene Stadt aus, das wäre sonst zu einfach. Persönlich finde ich das „Gehäkelte Haus“ in Lorch ganz außergewöhnlich: Über fünfzig Bürger und Bürgerinnen haben daran mitgehäkelt, aber vor allen Dingen auch der Architekt selber, der viel Herzblut reingesteckt hat. Es war auch ein wunderbares Integrationsprojekt, bei dem viele arabische und türkische Mitbürgerinnen mitgemacht haben. Der ganze Prozess hatte eine besondere Dynamik.
Das zweite Projekt, das ich wahnsinnig faszinierend finde, ist der „Turm an der Birke“ in Urbach: Er steht prägnant in der Landschaft. Und auch in den Medien ist es die meistfotografierteste und meistgelikte Station im Remstal. Ähnlich die Station „Fernsehen“ in Korb. Auch dieser Turm in den Weinbergen ist zu Recht sehr präsent in den sozialen Medien.
Fakten
Architekten Harris und Kurrle Architekten, Stuttgart; Brandlhuber+, Berlin; Burger Rudacs Architekten, München; Schulz und Schulz, Leipzig; Kuehn Malvezzi, Berlin
aus Bauwelt 17.2019
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