Bauwelt

K20: Erweiterung ohne Experimente



Text: Maier-Solgk, Frank, Düsseldorf


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    Jens Willebrand

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Keine Notwendigkeit sahen Dissing+Weitling, der architektonischen Aussage der 1986 eröffneten Kunstsammlung NRW im Zuge ihrer Erweiterung ein neues Statement hinzuzufügen. Doch der Anfang Juli eröffnete Anbau des K20 nimmt sich so weit zurück, dass Alt und Neu nur scheinbar miteinander verschmelzen.
Wie umgehen mit den großen Kulturbauten der siebziger und achtziger Jahre? Im vor kurzem eröffneten Essener Folkwang Museum wählte man die Radikallösung und riss den verwinkelten Komplex aus den siebziger Jahren einfach ab, um eine großzügige Neuordnung aus einem Guss durch David Chipperfield zu ermöglichen (Bauwelt 5.2010) – integriert wurde nur der ältere Trakt aus den Sechzigern. Anders liegt der Fall bei der renommierten, 1960 ins Leben gerufenen Kunstsammlung NRW, die seit 1986 in jenem markant geschwungenen Bau der dänischen Architekten Dissing+Weitling residiert, der mit seiner polierten anthrazitschwarzen Granitfassade den Grabbeplatz in der Düsseldorfer Altstadt mächtig auftrumpfend begrenzt (Bauwelt 17.1986). Jetzt wurde das Haus nach zweijähriger Sanierung und mit einer Erweiterung um einen neuen Flügel (2011 Quadratmeter zusätzliche Ausstellungsflä­che; Kosten ca. 40 Millionen Euro) wieder eröffnet. Zwei Jahrzehnte lang war die Erweiterung des Bestandsbaus, dessen Planung in die Mitte der siebziger Jahre zurückreicht, diskutiert worden. Seine repräsentative Geste jedoch, seine symbolhafte Rolle als kulturelles Aushängeschild des Landes, die stadtbildprägende Funktion direkt gegenüber der Kunsthalle, diesem seltenen Exemplar des Betonbrutalismus in Deutschland, sowie die originelle, teilweise großräumige Aufteilung im Inneren sprachen bei der Neuaufstellung für eine Adaption an den Bestand – und die erneute Beauftragung des Kopenhagener Büros.

Kein Platz für die große Lösung

Die gewissermaßen traditionalistische Düsseldorfer Lösung bleibt jedoch mit manchen Problemen behaftet. In seiner Gesamtwirkung signalisiert das neue Haus nicht so sehr Aufbruch und Neuanfang als die von räumlichen Gegebenheiten eingeschränkte Aufrüstung. Das Ziel war, den heutigen Anforderungen an den Museumsbetrieb gerecht zu werden, wobei formale Zurückhaltung geradezu als Leitmotiv gewählt wurde. An den Bestandsbau, dessen Architektur in ihrer Mischung aus gewölbten und geraden Formen noch sichtbar skulpturale Ansprüche geltend macht, schließt rückseitig T-förmig ein rechteckiger, fensterloser Block an, der sich in der Höhe an das Haupthaus anpasst und auch die schwarze Granitfassade wieder aufnimmt (hierzu wurde der Bornholmer Steinbruch, aus dem der Granit stammt, eigens erneut geöffnet), ansonsten aber nüchterner kaum sein könnte und die differenzierte innere Struktur des „Altbaus“ stark zurücknimmt. Er birgt auf zwei Geschossen die beiden für Wechselausstellungen wie für die Sammlung vorgesehenen, stützenfreien und flexibel bespielbaren Säle. Diesem Trakt seitlich vorgestellt ist ein aluminiumbeschichteter Block für die Anlieferung, der in den neu gestalteten Paul-Klee-Platz eher irritierend eingreift. Die städtebauliche Situation war maßgebend. Sie hat eine vom Museum gewünschte größere Lösung nicht zugelassen, zumal die Stadt, der das Grundstück gehört, auf einem neuen Bürgersaal bestand, der an den Erweiterungstrakt nun unmittelbar anschließt.

Die Sanierung

In hellstem Licht hingegen erstrahlen die Ausstellungsräume des Bestandsbaus. Die Lichtdecken mit ihren konvex gewölbten Kunststoffschalen kommen nach ihrer Erneuerung vielleicht zum ersten Mal in ihrer fast sakralen Anmutung zur Geltung. Das „alte“ K20 war ein reines Tageslichtmuseum; dessen Qualitäten treten nun in der Tat weit deutlicher hervor. Im Übrigen wurden manche Einsprengsel und überflüssiger Innendekor entfernt, im Obergeschoss wurde eine neue räumli­che Verortung durch Öffnung der Fenster in die Passage möglich, die vom Grabbeplatz durch das Museum hindurch zum Paul-Klee-Platz führt; das Foyer wurde durch die Versetzung der Garderobe großzügiger. Der Tropenholzboden in den Ausstellungsräumen wirkt nach Abzug eleganter. Vor allem aber wurde die Raumfolge verändert und der Sammlungsbereich zu einer luftigeren und fließenden Einheit, indem man die flexiblen Trennwände nur noch bis zur unteren Jochkante der Lichtdecken führte. Der Gang durch die mäandernde Folge der nun nach oben geöffneten Räume erlaubt allenthalben Durchblicke und Perspektiven. Für die neue Direktorin Marion Ackermann muss die Bespielung mit den rund 200 Werken aus dem Bestand ein einziges Fest gewesen sein, da bei der lockeren chronologischen Anordnung eine Vielfalt neuer Bezüge zu entdecken sind.
Für die neue Kunstsammlung ist zudem der Einsatz eini­ger künstlerischer Interventionen von Bedeutung, mit denen offenbar manche der baulich problematischeren Punkte aufgewertet werden sollten. Der dänische Künstler Olafur Eliasson hat die schmale Öffnung oberhalb des dunklen Durchgangs, von dem aus man das Museum nach wie vor betritt, mit einer Lichtinstallation in Form von farbig angestrahltem Wasserdampf belebt, die Amerikanerin Sarah Morris die Hinterhofatmosphäre auf der Rückseite des Hauses durch ein farbenfrohes Muster auf Keramikfliesen aufgehoben, die eine neue Mauer beschichten, und Joep van Lieshout das kleine Café im zweiten Obergeschoss in ein verspielt-kubistisches Gesamtkunstwerk verwandelt. Die künstlerische Gestaltung von Außenraumsituationen ist ein Phänomen unserer Zeit. Ob sie auf Dauer ästhetisch zu überzeugen vermag, ist eine andere Frage.

K20, K21, Galerie Schmela

In toto verfügt Marion Ackermann jetzt über einen Ausstellungsparcours, der heterogener kaum ausfallen könnte. Unmittelbar neben dem Mutterhaus erlaubt der von Kiessler & Partner sanierte Palazzo des ehemaligen Ständehauses mit seinen umlaufenden separaten Galerieräumen die vielfältige Bespielung durch einzelne Künstler (Bauwelt 22.2002). Architektonisch nicht weniger reizvoll ist die von Aldo van Eyck als Einheit von Galerie und Wohnhaus entworfene Galerie Schmela gegenüber der Kunstsammlung. Der fünfstöckige Turm – der einzige Bau des holländischen Strukturalisten in Deutschland – ist im Inneren überaus verschachtelt; eine offene Treppe verbindet das Labyrinth zu einer fließenden Einheit, die durch die Verwendung von grauem Bimsbetonstein, Marmor und Holz eine starke materiale Präsenz auszeichnet. Als Gegenpol zum neutralen White Cube komplettiert die Galerie die architektonischen Behausungen der neuen dreigeteilten Kunstsammlung NRW auf eindrucksvolle Weise.



Fakten
Architekten Dissing+Weitling, Kopenhagen
aus Bauwelt 30.2010
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