Probesstudios
Eine Tanzcompagnie und ein Musiktheater haben sich zusammengetan, um zu neuen Probesstudios zu gelangen. In dem zerklüfteten Quartier Bijloke haben die Architekten eine jahrelange Konzeptionsphase mit zwei überraschenden Bauten abgeschlossen.
Text: Dubois, Marc, Gent
Eine Tanzcompagnie und ein Musiktheater haben sich zusammengetan, um zu neuen Probesstudios zu gelangen. In dem zerklüfteten Quartier Bijloke haben die Architekten eine jahrelange Konzeptionsphase mit zwei überraschenden Bauten abgeschlossen.
Seit dem 13. Jahrhundert war in Gent das am Ufer der Leie gelegene Gelände Bijloke der Krankenpflege vorbehalten. Eines der herausragenden Beispiele mittelalterlicher Hospizarchitektur in Europa und zugleich Prunkstück der Gesamtanlage ist der große gotische Krankensaal mit seinen imposanten hölzernen Dachbindern. Auf dem Areal befindet sich auch die ehemalige Abtei der Zisterziensernonnen, die zu Zeiten des Barocks umgebaut und erweitert wurde. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es mit dem für jene Epoche typischen Pavillonbau erneut zu einer wesentlichen Erweiterung. Nach 1945 verlor das historische Bijloke mit dem Neubau eines Krankenhauskomplexes an anderer Stelle seine ursprüngliche Bestimmung. In den neunziger Jahren fasste die Stadtverwaltung den Beschluss, das Gelände zu einem Zentrum für Musik, Tanz und Kunsterziehung auszubauen. Der gotische Krankensaal ist heute der größte Konzertsaal der Stadt, und in den Pavillons sind Kunstakademie und Konservatorium untergebracht. Die frühere Bijloke-Abtei wird gegenwärtig zum Genter Stadtmuseum (STAM) umgestaltet, das voraussichtlich 2010 eröffnet wird.
Das Bijloke besteht mithin aus einer fragmentarischen Komposition verschiedenster Gebäude aus verschiedensten Epochen. Es ist diese historische Schichtung, die der Ansammlung an Gebäuden ihren besonderen Charakter verleiht. Und auch wenn durch den Abbruch von untergeordneten Bauten an der Uferseite – am südöstlichen Rand des Geländes – neuer Baugrund geschaffen wurde, sollten die angrenzenden, architektonisch wertvollen Gebäude erhalten und integriert werden.
Dieses Areal also hat die Stadtverwaltung als geeignet befunden, es zwei Bühnenensembles zur Verfügung zu stellen, die schon lange auf der Suche nach geeigneten Proberäumen waren: der Tanzgruppe „Les Ballets C de la B“ unter der Leitung von Alain Platel – eines der progressivsten Tanzensembles mit europäischem Renommee – und dem Musiktheater LOD. Ohne dass eine Fusion beabsichtigt war, plante man einen gemeinsamen Bau und beauftragte 2002 die jungen Genter Architekten Jan De Vylder und Trice Hofkens, für beide Ensembles eine Produktionsstätte zu konzipieren. Es war der erste große Auftrag für das Büro. Das Baugrundstück ist sehr unregelmäßig geformt, eine Konfiguration, die beinahe ungeeignet scheint, um darauf etwas zu errichten. Die „räumliche Zerbröselung“, die so charakteristisch ist für Bijloke, wurde im Laufe der Planung bestimmend für den endgültigen Entwurf, der von der ersten Idee abrückte: Statt eines einzigen massiven Baukörpers, der der Straßenführung folgt, bekam nun jedes Ensemble ein eigenes Bauvolumen, platziert in der äußersten Ecke der Parzelle. Das ursprüngliche Konzept hatte noch einen dritten Bau für einen kleineren, intimeren Probenraum vorgesehen, der aber dann aus Kostengründen gestrichen wurde. Die Büros und Gästeunterkünfte werden in einem zweiten Bauabschnitt in der benachbarten, aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts stammenden ehemaligen „Schule für Geburtshilfe“ unterkommen.
Die Aufteilung in zwei autonome Bauvolumen hat den Vorteil, dass die Räumlichkeiten beider Ensembles beieinander liegen und doch ihre Eigenheit bewahren können. Der Entwurf sah zwei ungefähr identische Volumen vor, die gedreht und gespiegelt sind. Abgestimmt auf die jeweils spezifischen Ansprüche der Ensembles, wurden kleinere Anpassungen vorgenommen, ohne dabei jedoch die Volumen zu beeinträchtigen. Ihre Grundformen sind im Wesentlichen durch den Straßenverlauf diktiert. So entstand neben jeweils einem rechteckigen Saal ein trapezförmiger Gebäudeteil, in dem das Treppenhaus und die Nebenräume untergebracht sind: eine klassische Aufteilung von dienendem und bedientem Raum. Diese Erschließungsräume sind gr0ßflächig verglast. Das Glas ist wie eine dünne Haut, hinter der die viel-
fältigen Materialien und Farben der Konstruktion sichtbar bleiben. Die durchlaufende Treppe, die die drei Geschosse miteinander verbindet, ist an der Fassade ablesbar, ebenso eine zweite Treppe zum höher gelegenen Niveau, kombiniert mit einer Dachterrasse. Die Stahlträger und -stützen sind hellgrün, die Treppengeländer orange gestrichen. Diese Farben bestimmen im Zusammenspiel mit dem grauen Beton und den roten Backsteinen den bunten Gesamteindruck der Fassade.
Um die kraftvolle Wirkung der Fassade zu unterstützen, beschloss Jan de Vylder, der seine ersten Berufserfahrungen bei Stéphane Beel gesammelt hat, den fragmentarischen Charakter durch den enormen Gegensatz zwischen den großen Glasflächen und den geschlossenen Fassadenabschnitten zu intensivieren. Von der Straße betrachtet, scheint es ein äußerst strenges, puristisch ausgearbeitetes Bauprojekt zu sein. Von Nahem aber herrscht eine vollkommen andere Atmosphäre vor, die dadurch auch im Inneren vorausgesetzt wird. Einzig die Straßenseite wurde weiß verputzt, alle anderen Fassaden erhielten eine Verkleidung aus Zementfaserplatten. An zwei Stellen wurden Teile der Verkleidung ausgespart, damit sich Kletterpflanzen an der Unterkonstruktion festhalten können. Diese Lösung mildert ein wenig die strenge Linienführung des Volumens.
Beiden Ensembles erschien das Konzept einer black box überholt. Die direkte Beziehung zur Außenwelt erfuhr während des Entwurfsprozesses eine immer stärkere Betonung. Aus diesem Grunde erhielt jedes Bauvolumen zuoberst einen verglasten Erker, damit man von innen gen Himmel schauen kann. Die Innenausstattung ähnelt in ihrer Gesamtheit mehr einer Ansammlung von Zufälligkeiten. Wer aber aufmerksam hinsieht, wird feststellen, dass sich hinter dem chaotischen Bild ein strenger Eingriff verbirgt. Es handelt sich um ein Projekt, das mit einem äußerst knapp bemessenen Budget errichtet wurde (2,75 Millionen Euro); zahlreiche Entscheidungen waren Folge der geringen Mittel. Andererseits weckten diese Einschränkungen bei den Architekten einen erfinderischen Ehrgeiz, der zum Interessantesten führte, was auf diesem Areal entwickelt wird.
Aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann
Fakten
Architekten
Vylder, Jan de, Gent; Vinck, Inge, Gent
Adresse
Ghent, Belgium (Bijlokekaai 3 9000 Ghent, Belgium)
aus
Bauwelt 41.2009
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