Tribüne für Longchamp
Auch in Frankreich kommen Pferderennen bei der jüngeren Generation aus der Mode. Die Pariser Galopprennbahn im Bois de Boulogne erhielt nun mit Dominique Perrault eine neue Tribüne, die wieder mehr Besucher anlocken soll.
Text: Boudet, Dominique
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Die neue Haupttribüne hat eine Höhe von 35 Metern und bietet Platz für 10.000 Zuschauer.
Foto: Dominique Perrault Architecte/Adagp
Die neue Haupttribüne hat eine Höhe von 35 Metern und bietet Platz für 10.000 Zuschauer.
Foto: Dominique Perrault Architecte/Adagp
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Die vier Ebenen der Tribüne öffnen sich zur Rennbahn und zur Rückseite mit der Promenade, den Stallungen und dem Aufgalopp-Zirkel.
Foto: Dominique Perrault Architecte/Adagp
Die vier Ebenen der Tribüne öffnen sich zur Rennbahn und zur Rückseite mit der Promenade, den Stallungen und dem Aufgalopp-Zirkel.
Foto: Dominique Perrault Architecte/Adagp
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Das 4. Obergeschoss mit den VIP-Lounges kragt an einer Seite 20 Meter weit aus.
Foto: Dominique Perrault Architecte/Adagp
Das 4. Obergeschoss mit den VIP-Lounges kragt an einer Seite 20 Meter weit aus.
Foto: Dominique Perrault Architecte/Adagp
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Foto: Dominique Perrault Architecte/Adagp
Foto: Dominique Perrault Architecte/Adagp
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Der Salon Présidentiel wurde mit Edelstahlgewebe ausgestaltet. Die speziell entworfenen riesigen Kronleuchter setzen sich aus Lichtröhren zusammen, ...
Foto: Vincent Fillon/DPA/Adagp
Der Salon Présidentiel wurde mit Edelstahlgewebe ausgestaltet. Die speziell entworfenen riesigen Kronleuchter setzen sich aus Lichtröhren zusammen, ...
Foto: Vincent Fillon/DPA/Adagp
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... die auch sonst im Gebäude eingesetzt werden.
Foto: Vincent Fillon/DPA/Adagp
... die auch sonst im Gebäude eingesetzt werden.
Foto: Vincent Fillon/DPA/Adagp
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Foto: Vincent Fillon/DPA/Adagp
Foto: Vincent Fillon/DPA/Adagp
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Die breite Freitreppe führt vom Eingang zur Promenade, die sich hinter der Tribüne befindet. Diese Ebene wurde mit Holz beplankt und erhielt zwischen den erhaltenen Bäumen quadratische Schirme.
Foto: Dominique Perrault Architecte/Adagp
Die breite Freitreppe führt vom Eingang zur Promenade, die sich hinter der Tribüne befindet. Diese Ebene wurde mit Holz beplankt und erhielt zwischen den erhaltenen Bäumen quadratische Schirme.
Foto: Dominique Perrault Architecte/Adagp
57 Hektar Grund erhält die „Gesellschaft zur Förderung des Pferderennsports“ im Jahr 1856 von der Stadt Paris. Die für eine Galopprennbahn vorgesehene Fläche liegt im kürzlich von Jean-Charles Alphand umgestalteten Bois de Boulogne im Westen der Stadt. Nur ein Jahr später gehen Napoleon III. und seine Kaiserin Eugénie am nahen Seine-Ufer vor Anker und beehren das von den Massen enthusiastisch bejubelte Er-öffnungsrennen. Das Ereignis bildet den Auftakt für einen Ort, der sich mehr als ein Jahrhundert lang als einer der wichtigsten Schauplätze für Pferderennsport und mondäne Eleganz behaupten wird. Die ausnehmend schöne Lage und die hier abgehaltenen Rennen (der Qatar Grand Prix de l’Arc de Triomphe ist das wichtigste Pferderennen der Welt) wirkten über viele Jahrzehnte hinweg als Publikumsmagnet. Dann begann der Turf bei der jüngeren Generation aus der Mode zu kommen, Sportwetten im Netz erhöhten den Konkurrenzdruck, und nicht zuletzt kam die Oberschicht zunehmend davon ab, Unsummen in prestigeträchtige Rennställe zu investieren: Die Tribünen leerten sich. In Anbetracht der Lage entschied France Galop, Nachfolgerin der ursprünglichen Betreibergesellschaft, eine radikale Umstrukturierung. Ziel war, sich der Stammklientel des Pferdesports neu anzunähern. Daneben sollten auch andere Events hier stattfinden können. Nach fast drei Jahren umfänglicher Maßnahmen mit einer Bausumme von 153 Millionen Euro wurde die Rennbahn unter dem neuen Namen Paris-Longchamp im April wiedereröffnet. Der Entwurf von Dominique Perrault hat durchaus das Zeug, neue Kundschaft anzulocken: Sein Konzept lässt die Zuschauer alle Aspekte des Galoppbetriebs miterleben und schließt zugleich an Flair und Eleganz der Rennbahn-Ära früherer Epochen an. Die zunächst augenfälligste Veränderung ist der Abriss der beiden großen Tribünen aus den sechziger Jahren. Zusammen mit einer Reihe weiterer, wahllos auf dem Gelände verstreuter Nebengebäude wurden sie im Zuge der Neugestaltung komplett rückgebaut, erhalten blieb der historische Bestand, darunter die „Tribune des anglais“, die älteste noch erhaltene Zuschauertribüne aus dem Jahr 1904.
Dynamisch wie Vollblüter
In der fortgeführten Achse setzte Perrault einen flachen, lang gestreckten Tribünenbau von 160 Metern Länge und 35 Metern Höhe. Auf drei Niveaus sind hier 10.000 Zuschauerplätze unter-gebracht, das vierte Geschoss beherbergt neben dem Restaurant mit Terrasse die VIP-Lounges und Privatlogen. Durch weit vorspringende Kragelemente – auf der obersten Ebene sind es 20 Meter – zieht Perrault den Baukörper zusätzlich in die Länge. Dass der dynamisch wirkende Effekt an die Formation der Vollblüter auf der Zielgeraden erinnern soll, ist sicherlich kein Zufall. Zugleich spielt der Architekt den Beton des Tragwerks eher herunter: Von den mit Holz belegten Stufen über die Brüstungen aus teilweise opaken Glaspaneelen bis hin zur Fassadenverkleidung und zum Witterungsschutz aus goldfarbenem Aluminium vermittelt das Ensemble eine mehr intime, auf Tribünenebene durchaus elegante Atmosphäre. Der Goldton des Materials reagiert auf das jahreszeitlich wechselnde Licht und vermittelt zwischen Bau und Bois de Boulogne, was insbesondere bei herbstlicher Stimmung zur Geltung kommen soll.
Perrault konzipiert die Tribünen als transparente Konstruktion aus gestapelten Ebenen ohne eigentliche Vorder- oder Rückfront. Sie kragen seitlich vor und sind zur Rennbahn hin leicht nach unten gekippt. Auf der gegenüberliegenden Seite bilden sie lange Balkone aus, von denen sich das Spektakel der Rennvorbereitungen verfolgen lässt. In der Kombination bieten diese weitläufigen mit großzügigen Treppenaufgängen, Rolltreppen und Zugangsfoyers angebundenen Terrassen schier uneingeschränkte Bewegungsfreiheit für die Zuschauer, die nach Belieben zwischen der Perspektive auf Stallungen und Aufgalopp-Zirkel oder dem Beobachten des eigentlichen Renngeschehens wählen können.
Gleichgültig für welche Seite man sich entscheidet, ist das Panorama der Umgebung gleichermaßen beeindruckend: Die Rangsitze auf der Tribüne bieten absichtsvoll „gerahmte“ Ausblicke auf die Galopprennbahn und den Bois de Boulogne, über dessen Baumkronen sich am Horizont die Spitze des Eiffelturms abzeichnet. Von den Balustraden der Balkone hat man nach Westen freie Sicht auf die Hügel von Meudon und Saint-Cloud bis hin zu den Türmen von La Défense in der Ferne.
Besonders deutlich wird die landschaftsgestalterische Qualität des Perrault-Entwurfs in der Besucherführung für das Gros des Publikums, das zumeist das Auto für die Anfahrt zu den Rennen nutzt. Ist der Wagen auf dem Rasen des Areals abgestellt (im geschützten Bois de Boulogne ist Parken nicht erlaubt), leitet eine Unterführung die Besucher unter dem Geläuf hindurch. Man gelangt dann über eine Brücke in den Service-Pavillon vom Sockelgeschoss. Von dort führt die weitläufige, über den rückwärtigen Rasenflächen erhöht liegende Promenade zur alten und neuen Tribüne. Neben großen Trichteröffnungen für die Stämme des dort vorhandenen alten Baumbestands bieten quadratische Schirme Schutz vor Sonne und Regen, Sitz- bänke laden zum Verweilen ein, nach Einbruch der Dunkelheit erleuchten Strahler unter den Schirmen eindrucksvoll den Ort. Auf mehr als 5000 Quadratmetern wurde hier ein eleganter öffentlicher Raum geschaffen, der bereits vorab den Blick auf das farbenprächtige Schauspiel der Vollblüter mit ihren Jockeys auf ihrem Weg aus ihren Stallungen für sein Publikum zu inszenieren weiß.
Aus dem Französischen von Agnes Kloocke
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