Wohnturm
Wider den postmodernen Städtebau
Text: Cohn, David, Madrid
Der Wohnturm in Madrid von estudio.entresitio setzt ein deutliches Zeichen im Entwicklungsgebiet Vallecas: ein Gegenentwurf zur Blockrandbebauung mit Erkern und abgeschrägten Ecken nach dem Vorbild von Cerdàs „Ensanche“, das in Spanien noch immer für Stadterweiterungen herhalten muss.
Ausgangspunkt, um die Auswirkungen der aktuellen Finanzkrise auf Spanien zu begreifen. Die ehemaligen Felder von Vallecas (benannt nach einem kleinen Landstädtchen, das 1950 von der südlichen Peripherie Madrids aufgesogen wurde) sind seit den neunziger Jahren Teil der groß angelegten Planungsstrategie, die noch verfügbaren Freiflächen der Hauptstadt für die Anbindung des Rings neuer Satellitenstädte zu nutzen: Der „Ensanche“ (Erweiterung) von Vallecas sah die Errichtung von 26.000 Wohnungen vor, von denen die Hälfte zu subventionierten Preisen an Familien verkauft oder vermietet werden sollte. Heute findet man in Vallecas lediglich Inseln mit fertiggestellten Wohnhäusern und dazwischen unbebaute Blockgrundstücke oder Bauruinen, deren Weiterbau unterblieb, weil die Bauherren oder Projektträger aufgrund der Krise Insolvenz anmelden mussten.
Ein Überfluss am öffentlichem Raum
Einer der Überlebenden dieses Desasters ist der kürzlich fertiggestellte 22-geschossige Wohnturm der jungen Madrider Architekten María Hurtado de Mendoza, deren Bruder José und César Jiménez de Tejada von estudio.entresitio. Der Entwurf für den Turm ist 2003 aus einem offenen Wettbewerb der städtischen Wohnungsbaugesellschaft EMVS hervorgegangen, im Rahmen eines ehrgeizigen, inzwischen eingestellten Programms zum Sozialen Wohnungsbau, das offen war für Experimente. Der Wohnturm umfasst 132 Ein- und Zwei-Zimmerwohnungen mit 40 und 50 Quadratmetern, geplant für Mieter unter 35 Jahren, die ihre Wohnungen nach sieben Jahren kaufen können, wobei die Hälfte der Mietzahlungen auf den Kaufpreis angerechnet wird. Im Erdgeschoss sind 300 Quadratmeter Gewerbefläche entstanden, die öffentlich versteigert werden sollen.
Die Architekten entwickelten ihr Projekt als eine implizite Kritik an den veralteten postmodernen Vorstellungen des traditionellen Städtebaus, der seit den achtziger Jahren die Planung in Madrid bestimmt (Heft 28.1997). Zu den augenfälligsten Mängeln dieser Planung gehört ein Überfluss an öffentlichem Raum bei gleichzeitigem Fehlen von öffentlichem Leben: Der Handel wurde weitgehend in Einkaufszentren in der Nähe von Autobahnkreuzen verlegt, die Erdgeschosse der Gebäude wurden zu den Straßen hin geschlossen. Die Planung schreibt eine gleichförmige Blockrandbebauung mit Gebäuden von sechs bis acht Geschossen vor, die entstehenden neuen Viertel sind von der übrigen Stadt durch Schnellstraßen abgetrennt. Immerhin sind sie durch eine jüngst abgeschlossene Verlängerung der U-Bahn nun leicht erreichbar, und es gibt vor Ort auch viele städtische Einrichtungen.
Der Wettbewerb gab den Architekten die Gelegenheit, die monotone Gestaltung der Volumina aufzubrechen, und die EMVS half, die Genehmigungen für die erforderlichen Abweichungen von der Gestaltungssatzung zu erwirken. Die Architekten störten vor allem die vorgeschriebenen abgeschrägten Gebäudeecken, die an Ildefons Cerdàs Plan für Barcelona von 1860 angelehnt waren. „Hier sind die Straßen so breit wie Autobahnen und somit abgeschrägte Ecken vollständig absurd“, erläutert María Hurtado de Mendoza. In dem Entwurf ist die Grundfläche des Gebäudes hinter die Linie der Abschrägung zurückgezogen, so dass eine schmale, rechteckige Grundform entsteht. Das verlorene Gebäudevolumen – rund 30 Prozent des Baufeldes sind frei gelassen – wird durch die Aufstockung an dem einen Ende der Parzelle wieder eingebracht, so dass die vorgeschriebenen 9000 Quadratmeter an bebauter Fläche erreicht werden. Der frei gebliebene Straßenraum könnte nach den Vorstellungen der Architekten von den Eigentümern der Gewerbeflächen etwa für ein Café genutzt werden. Am anderen Ende der Parzelle stimmt das Gebäude mit den angrenzenden Traufhöhen überein. Die beiden Volumina sind durch eine niedrige Brücke mit Maisonette-Wohnungen verbunden. Das Resultat ist eine ungewöhnliche Gesamtform, die an eine Kobra mit aufgerichtetem Kopf und eingerolltem Schwanz erinnert.
Durch diese Volumenverteilung und die exquisite Detaillierung der Fassaden entsteht eine attraktive Abkehr vom Kontext und den formalen Konventionen der Wohnhausarchitektur. Ziel der Architekten war es, ein Wahrzeichen zu schaffen, das sich aus der Anonymität des „Ensanche de Vallecas“ heraushebt und das im Raster angelegte Viertel aufwertet – nicht so sehr durch seine Platzierung als vielmehr durch seinen architektonischen Ausdruck.
Die Architekten verteilen die Fenster in zufälligen Mustern aus vier horizontalen Streifen, die jedes Geschoss einfassen, und abstrahieren dadurch die Masse des Turms, die Anzahl der Geschosse und die innere Gliederung. Hurtado de Mendoza erklärt: „Unser Ziel war es, die Außenhülle zu einer durchgehenden Verkleidung zu machen“, vergleichbar einem Polstermuster, „ohne Unterschied zwischen Vorder- und Rückseite, ohne Anfang und Ende.“ Um diesen Effekt zu verstärken, wurden die Wohnungstypen auf jedem Geschoss diagonal symmetrisch verteilt, „wie in einem Ambigramm, das bei einer Drehung um 180 Grad immer genau das gleiche Schriftbild ergibt“ – hier kommt das gewitzte mathematische Denken der Architekten zum Vorschein. Auch die Fenster, die sich um die Gebäudeecken legen, tragen zu dem Endlos-Effekt bei.
Die Fenster erscheinen wie ausgestanzte Öffnungen. Innen sind weiße Sonnenblenden angebracht, die Fensterrahmen aus Aluminium entsprechen farblich dem dunklen Zink der Fassade. Die Oberfläche dieser jeweils 75 Zentimeter hohen Zinkbänder ist leicht gekräuselt, was der Fassade zusätzliche Bewegtheit gibt. Einige wenige Fenster springen als flache Kästen hervor – eine offensichtliche Anspielung auf die laut Bauordnung zulässigen traditionellen Erker. Die Wohnungen sind hell und in Schwarz-Weiß gehalten; die kleinen Terrassen, auf denen man die Wäsche zum Trocknen aufhängen kann, sind in Milchglaswände gefasst.
Nähert man sich dem „Ensanche de Vallecas“ über die angrenzende Autobahn nach Valencia, zeichnet sich der Turm von estudio.entresitio das höchste Wohnhaus Madrids – als überraschende Anomalie in der Skyline ab und gibt zugleich den umliegenden Gebäudeblocks einen optischen Mittelpunkt, einen Anker. Inmitten der vorstädtischen Trostlosigkeit ist er ein zwiespältiges Monument: Er verspricht kein illusionäres Utopia. Vielmehr schlägt er einen aus dem Raster befreiten Realismus vor, bei dem uns das mit den Sinnen erfahrbare architektonische Objekt zurückholt auf den Boden der Tatsachen.
Fakten
Architekten
estudio.entresitio, Madrid
Adresse
c/ José Antonio Rebolledo y Palma 20 / Pilar de Madariaga Rojo 9 (28051 Madrid, E)
aus
Bauwelt 15.2010
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