Blox in Kopenhagen


Für die Räume des Dänischen Architekturzentrums in Kopenhagen haben OMA bereits 2006 einen weiteren Mixed-Use-Bau ent­­wor­fen. Nach Finanzkrise, Baustopp, Umplanungen und fünfjähriger Bauzeit ist das anachronistisch wirkende Blox-Gebäude fertig­gestellt worden.


Text: Spix, Sebastian, Berlin


    Das 11.500 Quadratmeter große Areal des Blox-Ge­bäu­des liegt im Zentrum von Ko­penhagen auf der Stadt­insel Slotsholem.
    Foto: Rasmus Hjortshøj

    Das 11.500 Quadratmeter große Areal des Blox-Ge­bäu­des liegt im Zentrum von Ko­penhagen auf der Stadt­insel Slotsholem.

    Foto: Rasmus Hjortshøj

    In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich der Regierungs­sitz Dänemarks im Schloss Christiansborg und die Königliche Bibliothek.
    Foto: Rasmus Hjortshøj

    In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich der Regierungs­sitz Dänemarks im Schloss Christiansborg und die Königliche Bibliothek.

    Foto: Rasmus Hjortshøj

    Die riesigen Kuben wurden um und über die Schnellstraße zueinander versetzt angeordnet. Als Schallschutz dient eine Dreifach-Verglasung.
    Foto: Rasmus Hjortshøj

    Die riesigen Kuben wurden um und über die Schnellstraße zueinander versetzt angeordnet. Als Schallschutz dient eine Dreifach-Verglasung.

    Foto: Rasmus Hjortshøj

    Die schwierigste Aufgabe der Statiker bestand in der Berechnung der Druckkräfte des Meeres auf das Gebäude.
    Foto: Rasmus Hjortshøj

    Die schwierigste Aufgabe der Statiker bestand in der Berechnung der Druckkräfte des Meeres auf das Gebäude.

    Foto: Rasmus Hjortshøj

    Entlang der rostigen Stahlwand führt eine Treppe ins Untergeschoss zu den Eingängen und der Tiefgarage.
    Foto: Rasmus Hjortshøj

    Entlang der rostigen Stahlwand führt eine Treppe ins Untergeschoss zu den Eingängen und der Tiefgarage.

    Foto: Rasmus Hjortshøj

    Neben einer Spiellandschaftherabführende Treppen münden im Foyer unterhalb der Straße.
    Foto: Rasmus Hjortshøj

    Neben einer Spiellandschaftherabführende Treppen münden im Foyer unterhalb der Straße.

    Foto: Rasmus Hjortshøj

    An der Südseite laden Holzstege ...
    Foto: Rasmus Hjortshøj

    An der Südseite laden Holzstege ...

    Foto: Rasmus Hjortshøj

    ... und Terassen zum Verweilen ein.
    Foto: Rasmus Hjortshøj

    ... und Terassen zum Verweilen ein.

    Foto: Rasmus Hjortshøj

    Das Fitnessstudio bietet auf 1600 Quadratmetern Platz für Muskeltraining, ...
    Foto: Rasmus Hjortshøj

    Das Fitnessstudio bietet auf 1600 Quadratmetern Platz für Muskeltraining, ...

    Foto: Rasmus Hjortshøj

    ... das Panoramafenster im Seminarraum einen groß­zügigen Blick über den Søren Kierkegaard-Platz und auf die Königliche Bibliothek.
    Foto: Rasmus Hjortshøj

    ... das Panoramafenster im Seminarraum einen groß­zügigen Blick über den Søren Kierkegaard-Platz und auf die Königliche Bibliothek.

    Foto: Rasmus Hjortshøj

    Das DAC liegt im Herzen des Blox. Von verschiedenen Ebenen sind Sichtbezüge in das drei geschosshohe Atrium möglich.
    Foto: Rasmus Hjortshøj

    Das DAC liegt im Herzen des Blox. Von verschiedenen Ebenen sind Sichtbezüge in das drei geschosshohe Atrium möglich.

    Foto: Rasmus Hjortshøj

    Vom Ausstellungsraum mit goldenem Boden blickt man auf die Spundwand.
    Foto: Rasmus Hjortshøj

    Vom Ausstellungsraum mit goldenem Boden blickt man auf die Spundwand.

    Foto: Rasmus Hjortshøj

    Mit einer Variation aus Rampen, Treppen, bunten Tep­pichen, ...
    Foto: Rasmus Hjortshøj

    Mit einer Variation aus Rampen, Treppen, bunten Tep­pichen, ...

    Foto: Rasmus Hjortshøj

    ... offenen Sitzlandschaften ...
    Foto: Rasmus Hjortshøj

    ... offenen Sitzlandschaften ...

    Foto: Rasmus Hjortshøj

    ... und intimen Arbeitsboxen konzipierte OMA die Flächen der Großraumbüros.
    Foto: Rasmus Hjortshøj

    ... und intimen Arbeitsboxen konzipierte OMA die Flächen der Großraumbüros.

    Foto: Rasmus Hjortshøj

Reisefertig wirkten auf den Philosophen Ernst Bloch in den 1950er Jahren die Bauten der Bauhaus Moderne. Rein nach funktionalen Ansprüchen gestaltet, befand er sie als zu steril und austauschbar. Nicht zuletzt Rem Koohlhaas gehört zu den Protagonisten der Postmoderne, die sich konzeptionell, intellektuell, teils zynisch („If less is more, maybe nothing is everything.“) mit dem Erbe der Moderne beschäftigten. Im Ergebnis gipfelt seine Arbeit seit der Realisierung des CCTV-Bügels in Peking (Bauwelt 7.2007) im Mixed-Use-Konzept. Der Ursprung hierfür lässt sich bereits in seinem 1978 geschriebenen theoretischem Manifest „Delirious New York“ finden. Koohlhaas analysiert darin die durchmischte Komplexität des urbanen Hochhauses.
Nach dem Turm-Ensemble De Rotterdam (Bauwelt 12.2014) und dem Rathaus Timmerhuis (Bauwelt 8.2016), beide in Rotterdam, eröffnete Anfang Mai in Kopenhagen ein weiteres Mixed-Use-Gebäude von OMA: Blox. Gemischt werden in diesem Neubau Ausstellungsräume, Büros und Co-Working-Plätze, eine Buchhandlung, ein Fitnessstudio, ein Spielplatz, ein Café, ein Restaurant, 22 Wohnungen und eine öffentliche Tiefgarage. Wichtigster Nutzer mit fast ein Viertel der Gesamtfläche ist das Danish Architecture Center (DAC). Zieht eine Institution, deren Fokus auf der Auseinandersetzung und Vermittlung von Architektur liegt, in einen Neubau, steigt die Erwartungshaltung, wie diese sich selbst in gebauter Form präsentieren wird.

Ein Ort für Arbeit, Kultur und Freizeit

Der Bauplatz des Blox ist unmittelbar am Ufer der Kopenhagener Stadtinsel Slotsholmen gelegen und stellte sich von Anbeginn als kompliziert dar. Der einstige Standort einer Alten Brauerei wur­de von einer Hauptumgehungsstraße in zwei Hälften geteilt. Erst durch den Vorschlag des Dänischen Architekturzentrums hier zu bauen, wurde dieser überhaupt als mögliches Baufeld identifiziert und durch ihre Initiative offiziell registriert. Die städtebauliche Brache neben dem Søren-Kierkegaard-Platz, deren Umfeld sich seit einigen Jahren im Umbruch befindet und mit dem Stadtzentrum verbunden werden sollte, steht in direkter Nachbarschaft historischer Altbauten, nahe des „Schwarzen Diamanten“, der Königlichen Bibliothek (1999) von Schmidt, Hammer & Lassen Architekten und vis-à-vis der Cirkelbroen-Brücke von Olafur Eliasson.

Einen im Jahr 2006 ausgelobten Wettbewerb für die Bebauung konnte OMA für sich entscheiden. Neben der Integration der Straße, bestand die Aufgabe darin, mit dem Neubau das nördlich gelegene Dänische Parlament im Schloss Christianborg und seine Regierungsbauten mit dem südlichen Ufer zu verbinden. Der ehemals ausschließlich von Autos und regem Verkehr geprägte Ort sollte in einen urbanen Aufenthaltsraum verwandelt werden, einen Ort für Kultur am Ufer der Meerenge Öresund. Auf den ersten Blick eine gute Ausgangslage für das Büro von Rem Koohlhaas, das mit einigen Projekten in den letzten Jahren bewiesen hat, dass es Urbanität und Verkehr ästhetisch anspruchsvoll und funktional schlüssig vereinen kann; so etwa die Einbindung einer Bahntrasse im Ministerienbau Rijn­straat 8 in Den Haag (Bauwelt 24.2017) und im ITT Campus Center in Chicago (Bauwelt 47.2003).
Die knifflige Aufgabe in Kopenhagen versuch­-te das Team um OMA-Partnerin Ellen van Loon durch die Stapelung von rechteckigen Kuben zu lösen, ähnlich dem später (2009) geplanten, aber früher realisierten Timmerhuis. Zueinander versetzt türmen sich die Kisten innerhalb einer komplexen Stahlskelettkonstruktion um ein Atrium – und über die Schnellstraße: 26 Meter in die Höhe und 16 Meter ins Erdreich. Das innenliegende Atrium dient dem DAC als Ausstellungsfläche. Die Büroflächen sind um das Atrium angeordnet, die Wohnungen in den drei oberen Geschossen untergebracht. Begrünte Terrassen rahmen das zentrale und für die Bewohner begehbare Glasdach des Atriums. In Anlehnung an die vielen Kupferdächer der Stadt und das sie umgebende Meerwasser, wurde die Fassade variierend mit grünem Glaspaneelen vor den Wohnungen, dunkelgrünem oder schwarzem Streckmetall vor den Ausstellungsflächen und weiß gesinterten Glasflächen im Bereich der Büros verkleidet. Mit Versprüngen und Auskragungen der Boxen wurde der Koloss um die Straße geformt; bei diesigem Wetter erscheint er düster, bei Nacht wie eine konventionelle Firmenzentrale.
Die Schnellstraße durchschneidet das Erdgeschoss in zwei Hälften. Die offiziellen Eingänge befinden sich daher im ersten Untergeschoss. ÜberRolltreppen und eine großzügige Treppenskulptur an der zur Stadt gewandten Seite und Betontreppen entlang schützender Stahlspundbohlen an der Uferseite gelangt man zu den Eingängen. Dunkel, aber vor allem durch Wände verschlossen wirkt der Empfangsbereich. In einer von Radfahrerngeprägten Stadt irritiert der umständliche Zugang mehr, als dass er einen urbanen Platz der Begegnung entstehen lässt. Auf der Suche nach Verständnis lohnt es sich, einen Blick auf den Wettbewerbsentwurf zu richten, dessen Erdgeschoss als luftige öffentliche Passage dargestellt ist. Allerdings beanspruchte das DAC nach dem Wettbewerb einen Teil der Passage als Eingangsbereich. Hinzu kam eine vom Bauherrn gewünschte und noch im Bau befindliche Brücke über den Öresund, welche eine komplette Überarbeitung des Außenbereichs zur Folge hatte. Überhaupt war der ursprüngliche Entwurf radikaler. So sollteetwa der öffentliche Straßenbelag ins Fitnessstudio weitergeführt werden. Als „architektonische Kontamination“ sollten im Gebäude die Räume zwischen den Mietern fließende Verbindungen provozieren und als Experimentier- und Demonstrationsraum dem DAC als eine Art Labor dienen.

Klassisch gemischt, ruppig ausgeführt

Beim Betreten des DAC wird deutlich, dass die einzelnen Nutzungskuben zu kompakt anein­anderkleben, zu labyrinthisch wurden die Wege zwischen den Geschossen realisiert. Zwar ermöglicht das gläserne Atrium diverse Sichtbezüge, aber auch nur dann, wenn gerade keine Ausstellungswände stehen. In teils ruppiger Ausführung scheint der komplette Materialkatalog von OMA angewandt worden sein, was in Anbetracht der baulichen Gedrungenheit weniger einzelne Bereiche akzentuiert, als vielmehr die Orientierung im Gebäude erschwert. Schwarzer Beton, eine Bandbreite farbiger Variationen von Streckmetallen und Linoleum, abgehängte Traversen, dunkel getünchte Stahlträger, Stäbchenparket: Elemente, die gewöhnlich OMA-Gebäuden mit ihren komplexen Geometrien, Raumfolgen und gemischten Nutzungsanforderungen szenografieartig Orientierung geben. Davon ausgenommen sind ein Ausstellungsraum mit goldenem Bodenbelag im Erdgeschoss und ein Seminarraum mit Blick über Öresund im zweiten Geschoss. Überhaupt sind die Aussichten aus dem Gebäude auf seine Umgebung seine Stärke. Angesichts des Anspruchs vom Direktor des DAC, Kent Martinussen, mit dem Gebäude die Frage zu stellen „Was wäre, wenn Architektur die Welt verändern könnte?“, ernüchtert das Ergebnis. Inwiefern die mittlerweile im klassischen Mixed-Use-Stil mit Lounges, Glasboxen und buntem Teppich gestalteten offenen Bürolandschaften ohne festen Arbeitsplatz in Zukunft von den Mitarbeitern als angenehm empfunden werden, bleibt auch beim Blox-Gebäude abzuwarten. Eher ernüchternd sind die Berichte aus anderen Projekten.

Bauherr und Bloxhub

Auf der Suche nach den Gründen für die unglücklichen Planänderungen des Wettbewerbsentwurfs, scheint die Finanzkrise und der Bauherr, Realdania, eine wesentliche Rolle gespielt zu haben. Der Baubeginn verzögerte sich durch die Immobilienkrise um sieben Jahre (Spatenstich war 2013), weshalb die Gestalt des Baus ein wenig aus der Zeit gefallen scheint. Realdania ist eine private Stiftung, dessen Hauptinteresse darin liegt, große Teile des Gebäudes als „Bloxhub“, als luxuriöses Bürogebäude, das sich selbst als „Vermittlungsagentur für Investoren im Bereich gebauter Umwelt“ versteht, zu nutzen. Für rund 800 Euro im Monat können Start-ups auf insgesamt 5700 Quadratmetern Bürofläche einen Schreibtisch mieten. Angesichts des auf Rendite schielenden Bauherrn verblasst die Verwunderung über die beinah auf ein Atrium reduzierten Räume des Architekturzentrums. Eine nicht unwesentliche Priorität des Bauherrn lag zudem auf 5000 Quadratmeter großen automatisierten Tiefgaragenstellplätzen, die es ermöglichen ein Auto innerhalb von 60 Sekunden zu parken und die ausschließlich der Vermietung an Externe dienen. Schwierig ist auch die Vermischung unterschiedlicher Nutzer, die ein Ineinanderfließen der verschiedenen Räume unterbindet. Um neue Nutzungskonzepte umzusetzen, braucht es mutige Bauherren, die sich auf dieses Experiment einlassen. Ein Umstand, der abermals an das Timmerhues-Projekt von OMA in Rotterdam erinnert. Dessen Mixed-Use-Entwurf wurde ebenfalls durch die Intervention des Bauherrn, seiner Idee von einem komplett offenen Erdgeschoss als innerstädtische Begegnungszone beraubt.



Fakten
Architekten OMA, Rotterdam
Adresse BLOX, Bryghuspladsen, 1473 Copenhagen K, Denmark


aus Bauwelt 11.2018
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