Das Bauhaus ist kein neutraler Ort

Seit dem 1. September steht Barbara Steiner als Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau vor. Für dieses Amt gab die promovierte Kunsthistorikerin einen wohldotierten Posten auf, am Kunsthaus Graz hätte man sie gern noch länger als Leiterin behalten. Aber aus ihren Jahren in Leipzig (2001–2011), in denen sie sich als Direktorin der dortigen „Galerie für Zeitgenössische Kunst“ (GfZK) einen Namen machte, ist wohl eine Anhänglichkeit an den mitteldeutschen Kulturraum geblieben. Im vergangenen Frühjahr erfuhr sie während eines Leipzig-Besuchs von der Dessauer Ausschreibung. Dass sie nach kurzer Kandidatenkür unter 32 internationalen Bewerbern am Ende den Zuschlag erhielt, habe sie selbst „mehr als überrascht“.

Text: Kil, Wolfgang, Berlin

    Das Amt als Direktorin und des Vorstands der Stiftung Bauhaus Dessau übernahm Barbara Steiner im September.
    Foto: Stiftung Bauhaus Dessau, Thomas Meyer/Ostkreuz

    Das Amt als Direktorin und des Vorstands der Stiftung Bauhaus Dessau übernahm Barbara Steiner im September.

    Foto: Stiftung Bauhaus Dessau, Thomas Meyer/Ostkreuz

    Das Bauhaus Museum – ein „dritter Ort“ für Dessau? „Ein grandioses Raum­­an­ge­bot, das jedoch einer räumlichen Neustrukturierung bedarf, um es noch attraktiver zu machen.“
    Foto: Stiftung Bauhaus Dessau, Thomas Meyer/Ostkreuz

    Das Bauhaus Museum – ein „dritter Ort“ für Dessau? „Ein grandioses Raum­­an­ge­bot, das jedoch einer räumlichen Neustrukturierung bedarf, um es noch attraktiver zu machen.“

    Foto: Stiftung Bauhaus Dessau, Thomas Meyer/Ostkreuz

Das Bauhaus ist kein neutraler Ort

Seit dem 1. September steht Barbara Steiner als Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau vor. Für dieses Amt gab die promovierte Kunsthistorikerin einen wohldotierten Posten auf, am Kunsthaus Graz hätte man sie gern noch länger als Leiterin behalten. Aber aus ihren Jahren in Leipzig (2001–2011), in denen sie sich als Direktorin der dortigen „Galerie für Zeitgenössische Kunst“ (GfZK) einen Namen machte, ist wohl eine Anhänglichkeit an den mitteldeutschen Kulturraum geblieben. Im vergangenen Frühjahr erfuhr sie während eines Leipzig-Besuchs von der Dessauer Ausschreibung. Dass sie nach kurzer Kandidatenkür unter 32 internationalen Bewerbern am Ende den Zuschlag erhielt, habe sie selbst „mehr als überrascht“.

Text: Kil, Wolfgang, Berlin

Frau Steiner, Ihre Dissertation handelt von der „Ideologie des White Cube“. Sie können auf eine Karriere als vielseitige Ausstellungsmacherin und Kulturmanagerin verweisen, haben an der Hochschule für Grafik und Buchkunst sogar für zwei Jahre den Master-Studiengang „Kulturen des Kuratorischen“ geleitet. Beim Stichwort „Kuratieren“ fallen vielen erst mal Bilder an Galeriewänden ein. Jetzt sind Sie an einem Haus, in dem seit Jahrzehnten, ja eigentlich von Anfang an Architekten, Planer und Designer das Sagen hatten. Fühlen Sie sich da fremd?
Barbara Steiner
Nein, kein bisschen! Mal abgesehen davon, dass es beim White Cube ja auch wesentlich um Raumthemen und die Ideologisierung eines Raumtypus geht. Wer sich mit aktueller Kunst auseinandersetzt, wird häufig auf künstlerische Auseinandersetzungen mit Stadträumen stoßen. Die GfZK gehörte zu den drei Trägern für das Großprojekt „Schrumpfende Städte“, bei dem es um die Auswirkungen des demografischen Wandels auf Siedlungsformen und Lebenswelten ging. Damals haben wir unter anderem mit dem Bauhaus Dessau kooperiert. Projektleiter war Philipp Oswalt, der ja dann kurz darauf in Dessau das Direktorat übernahm. In Graz habe ich öfter hören müssen, dass bei mir Kunst im klassischen Sinn zu wenig Beachtung fände. Irgendwie saß ich mit meinem ins Gesellschaftliche ausgreifenden Kunstbegriff wohl immer zwischen den Stühlen, was mir jedoch keinesfalls als Manko erscheint. Im Übrigen gehört zum Kuratieren mehr als nur die Auswahl und das Arrangieren von Exponaten. Kuratieren bedeutet nicht nur zwischen Artefakten Beziehungen herzustellen, sondern sich auch mit Kontexten des Zeigens zu befassen und diese mitauszustellen. Dazu gehören institutionelle Rahmenbedingungen genauso wie ökonomische, politische und soziale Aspekte, Materielles und Immaterielles. An eine Architektur- oder Designpräsentation würde ich nicht anders herangehen.
Das klingt sehr funktional. Reden wir über Inhaltliches: Wie finden Sie das Bauhaus vor – jetzt, nach dem überbordenden Jubiläumsjahr? Wo drängt es Sie, eigene Akzente zu setzen?
Nach dem Trubel 2019 steht ein resümierender Blick an: Was ist das Bauhaus als historischer Ort, als verheißungsvolles Narrativ, aber auch als Produkt der Verwertung, also das Bauhaus als Marke, als Label, das den „Original-Bauhäusern“ immer wieder abgenommen wurde und wird? Inmitten dieser Prozesse bewegen wir uns. Ich finde das spannend und möchte dies zur Grundlage unseres Handels machen, denn auch das historische Bauhaus war bereits sehr vielgestaltig.
Und die Bezüge zum Heute? „Bauhaus“ bedeutete doch auch immer, sich mit den Verhältnissen der jeweiligen Zeit auseinanderzusetzen…
Dieser Gedanke lässt sich am Dessauer Bauhaus bis in die Gegenwart verfolgen. Wesentlich war in dem Zusammenhang das Bauhaus in der DDR. Dies umfasst eine viel längere Zeitspanne als die ersten Jahre. Damals hatte man das Erbe bereits in Richtung eines immer wieder zu aktualisierenden Gesellschaftsauftrags interpretiert. Zum Zeitpunkt der politischen „Wende“ wurde unter Rolf Kuhn als Direktor für das mitteldeutsche Indus­trierevier, diese ökologisch schwer belastete Krisenregion, ein großes Reformprojekt gestartet – das „Industrielle Gartenreich“. Das Ziel jener Jahre hieß: aktive Gesellschaftsgestaltung! Und doch hatte man auch in der Zeit Historisches gesammelt, 1976 wurde der Grundstock zu unserer Sammlung gelegt. Die westdeutsch besetzte Evaluierungskommission hat damals die Qualität dieses Reformvorschlags nicht erkannt. Wie der Eintrag in das berühmte Blaubuch der ostdeutschen Kulturförderung belegt, sollte die legendäre Dessauer Adresse vor allem als „kultureller Leuchtturm“ glänzen – ein Begriff, der zur Ikonenbildung verleitet. Es wurde mehr museale Sorgfalt erwartet, Stilfragen traten in den Vordergrund, Designkultur, die ganze formale Dingwelt des Bauhauses wurde zum Aushängeschild. Dagegen habe ich zunächst einmal nichts, denn es hatte zu einer Aufwertung des Standortes und auch zu umfangreichen Sanierungen der Gebäude geführt. Nur sollte man andere Vorstellungen vom Bauhaus nicht unter den Tisch fallen lassen. Dieser Design-Hype ist heute fester Teil jahrzehntelanger Bauhaus-Rezeption, davor können wir die Augen nicht verschließen. Die meisten Besucher und Besucherinnen kommen gerade deshalb. Erst wenn sie hier sind, können wir ihnen abweichende, hoffentlich genauso inspirierende Perspektiven eröffnen.
Da müsste Ihnen die neue Dessauer Konstellation ja entgegenkommen – in der Innenstadt das Museum mit der populären Sammlungsausstellung, hier an der Gropius-Allee die auratischen Orte für die Kenner.
Ich teile Ihre Beschreibung nicht. Es sind zwei Orte mit jeweils verschiedenen Aufgaben beim Umgang mit ein und derselben Geschichte, auch wenn sich diese in verschiedenen Narrationen entfaltet. Wer das Dessauer Bauhaus kennenlernen will, muss sich darauf einlassen. Mir ist äußerst wichtig, dass die Sammlungsobjekte im Museum die jeweiligen gesellschaftlichen Hintergründe ihrer Entstehung miterzählen. Selbst die berühmtesten Stücke werden im Museum nicht als Ikonen präsentiert. Die industrielle Orientierung und damit die sozialen Umstände gerade des Dessauer Bauhauses bleiben immer erkennbar. Oder die ausgewogene Darstellung der Lehrer-Schüler-Beziehungen – das ist doch das blanke Gegenteil allen Meisterkultes! Diese Schau wurde noch in der Zeit meiner Vorgängerin Claudia Perren konzipiert, aber auch für mich ist es eine überzeugende Präsentation, die Mythen- und Legendenbildung unterläuft. Die Sammlung muss immer wieder von Neuem für aktuelle Fragestellungen aktiviert werden. Das ist sozusagen ein Dauerauftrag an uns.
Aber jetzt lassen sich Politiker und Politikerinnen von den schicken Designobjekten dazu verleiten, ihre vagen Ideen von einer klimafreundlicheren Gesellschaft mit dem Image der berühmten Schule zu garnieren. Bei ihrem Europäischen Bauhaus macht die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen aus der notwendigen Trendwende, dem „Green Deal“, geradezu ein Kulturprojekt. „Nachhaltigkeit und Design in Einklang bringen“, wie es bei ihr heißt – um dem politischen Projekt mehr Attraktivität zu sichern?
Am Ziel „die Lebensqualität von Menschen zu verbessern“, wie es im Call heißt, ist doch an sich nichts auszusetzen! Die Frage ist allerdings, für wen dies gilt, wer profitiert, ob bestimmte soziale Gruppen auf der Strecke bleiben, wie ernst Inklusion tatsächlich gemeint ist. Man muss vor Greenwashing auf der Hut sein und vor allzu blindem Technikoptimismus. Sobald es um Zukunftsfragen ging, war die Antwort des Bauhauses stets „Den Zustand der Welt überdenken!“, womit ja nicht unbedingt die Produktion neuer Dinge gemeint war, sondern erst mal das Vorhandene auf den Prüfstand gestellt und alternative Herangehensweisen tastend erprobt wurden. Wenn das Bauhaus nun Leitstern für eine neue europäische Politik wird, handelt es sich um eine weitere Aneignung von Bauhaus-Ideen – oder auch imaginierter Bauhaus-Ideen – in einer langen Geschichte der Aneignungen. Spannend finde ich allenfalls, dass anders als früher jetzt konservative Kreise mit der rosa Brille auf uns schauen, während Kritik am Bauhaus eher aus dem linken Spektrum kommt.
Wird also auch das Bauhaus Dessau als Institution ein Bestandteil des Europäischen Bauhauses sein?
Als Stiftung Bauhaus Dessau sind wir Teil des Sachsen-Anhalt-Projekts, welches sich einem hier schon lange virulenten Thema widmet – dem Strukturwandel. Es hat sich ein großes Netzwerk an Partnerinnen gebildet, an dem sich die Burg Giebichenstein, die Hochschule Anhalt, die Fraunhofer-Allianz Bau, das Forum Rathenau, Ferropolis, die SALEG/Kompetenzzentrum für Stadtumbau und die Martin-Luther-Universität in Halle beteiligen. Der stark vom Kohleausstieg betroffene Burgenlandkreis und die Stadt Zeitz werden uns – nach dem jetzigen Stand der Dinge – als Prototyp dienen. Wir legen zunächst großen Wert auf die Erarbeitung eines Prozesses, einer Herangehensweise, bevor es an Umsetzungen, egal welcher Art, gehen wird.
Das klingt wie eine Neuauflage des „Industriellen Gartenreichs“.
Man kann sicher eine Verbindung herstellen, aber die gesellschaftlichen Eckdaten haben sich seit damals verändert. Auf alle Fälle wollen wir den europaweiten Aufruf ernstnehmen und als Auftrag annehmen. Gut finde ich, dass auf den Call hin weltweit so viele Initiativen entstanden sind, das beschert notwendigen Überlegungen zum Umgang mit Ressourcen und zu Nachhaltigkeit einen enormen Zuwachs an Aufmerksamkeit!
Könnte es sein, dass sich der Begriff „Nachhaltigkeit“ gerade mit neuen Zumutungen auflädt? Es ist absehbar, dass wir uns auf eine Gesellschaft zunehmend eingeschränkter Möglichkeiten zubewegen. Müsste nicht längst an neuen Leitbildern gearbeitet werden?
Wissen und Strategien sind ja zahlreich vorhanden, jetzt geht es darum, dass aus einzelnen Initiativen eine größere Bewegung wird. Das klappt nur, wenn wir in einen Dialog kommen mit jenen, denen Sparsamkeit im Umgang mit Ressourcen, Recycling, Kreislaufwirtschaft usw. mehr Zumutung als Chance bedeuten.
Ursula von der Leyen spricht von „weniger Verschwendung“ und von Qualitäten „kreativen Unterlassens“. Sind das die neuen Leitbegriffe?
Es sind auch alte Ideen. Weniger Verschwendung wurde jahrhundertelang praktiziert, es findet sich im Selbstverständnis vieler indigener Kulturen. Auch in der DDR haben Menschen aus der Erfahrung eines Mangels heraus einige sehr nachhaltige Konzepte entwickelt: Verbindlich geregelte Materialkreisläufe, Langlebigkeit der Produkte oder einfache Reparierbarkeit – alles Strategien zur Ressourcenschonung, die auch für uns unumgänglich werden, eher früher als später.
Jeder Kulturwandel braucht intellektuelle Vorarbeit, früher hieß das Avantgarde. Wäre also nicht hier – mehr noch als in Weimar oder Berlin – vom Phänomen „Bauhaus“ gerade der Werkstattgedanke zu propagieren? Den Mythos auch mal positiv besetzen: Dessau als Ort, der bedeutende Koryphäen anzieht, um an den Überlebensfragen der Menschheit zu arbeiten…
Ich meine nicht, dass wir den Mythos unbedingt positiv besetzen müssen. Und bedeutende Koryphäen sollten immer auch von nicht so bekannten Akteuren flankiert werden. Die Bauhaus-Akademie arbeitet auf der Höhe aktueller Diskurse, disziplinübergreifend und weltweit vernetzt. In kooperativen Lehr- und Lernmodellen spielen Studierende dort eine mindestens genauso wichtige Rolle, wenn es um Diskurse und Praxen der Gegenwart geht. Das Europäische Bauhaus bietet uns die Chance, mit anderen in einen durchaus auch streitbaren Austausch zu treten. Selbst wenn es beim ersten Call mit der Bewerbung nichts werden sollte, geht das Sachsen-Anhalt-Projekt weiter. Das ist Konsens unter den Projektpartnerinnen. Insgesamt wollen wir als Bauhaus Dessau den Diskursen nicht hinterherhecheln, sondern sie mitgestalten.
Im Juni dieses Jahres hat hier im Haus eine Diskussionsrunde gefragt: „Kann uns das Bauhaus helfen, den Planeten zu retten?“ Mit Verlaub – allein die Frage klingt schon sehr selbstbewusst.
Es gibt für das Bauhaus einen selbstgestellten Auftrag, und der lautet: sich auf verschiedenen Ebenen den jeweils aktuellen Herausforderungen zu widmen und Gesellschaft mitzugestalten! Für mich ist das Bauhaus kein neutraler Ort. Das gilt auch in gesellschaftspolitischer Hinsicht. In gesellschaftlichen Angelegenheiten müssen wir Stellung beziehen, das steht völlig außer Frage.
Zum Schluss eine praktische Frage: Die Bauwelt hatte in der Ausgabe 21.2019 am Museumsneubau das rundum geschlossene Erdgeschoss beklagt. Sehen Sie eine Chance, der Stadt zwischen Park und Shoppingmall doch noch einen „Dritten Ort“ zu eröffnen?
Das Erdgeschoss kann man leider an den Seiten nicht öffnen. Es bleibt bei den Drehtüren. Doch wir sehen die Notwendigkeit, den Dessauern entsprechende Angebote hinsichtlich niedrigschwelliger Begegnungen zu machen, das steht auf unserer Agenda weit oben. Das Erdgeschoss stellt ein grandioses Raumangebot dar, das jedoch einer räumlichen Neustrukturierung bedarf, um es als Ort noch attraktiver zu machen. Es gibt Überlegungen, aber dazu muss noch der Stiftungsrat seine Zustimmung geben.

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