Dystopisches Detroit

Boris Schade-Bünsow verbrachte zwei deprimierende Tage in der einstigen Millionenstadt

Text: Schade-Bünsow, Boris, Berlin


Dystopisches Detroit

Boris Schade-Bünsow verbrachte zwei deprimierende Tage in der einstigen Millionenstadt

Text: Schade-Bünsow, Boris, Berlin

Der Start in das neue Jahrtausend mündete für Detroit im Bankrott. Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts befeuerte die „Motor City“ die Wirtschaftsentwicklung der USA. Ford, General Motors und Chrysler sorgten für Wohlstand, mehr als 1,9 Mio. Menschen lebten 1950 in der Stadt. Platz war genug vorhanden, Detroit schien unendlich dehnbar. Noch in einem Radius von 40 bis 60 Kilometern finden sich kleinteilige Siedlungen mit überbreiten Straßen und freistehenden Eigenheimen im „Tudor Style“. Doch der Strukturwandel in der Automobil­industrie traf die Stadt hart. Heute leben circa 640.000 Menschen in Detroit, mehr als 80.000 Häuser stehen leer und verfallen. Doch es schien ein Funken Hoffnung in Sicht. In Zeiten der größten Krise entdeckte eine subkulturelle Bohème den Ort. Eine kleinteilige Ökonomie sollte die Stadt wiederbeleben. In den Medien war Detroit auf einmal ein Labor für die Wende der „Shrinking Cities“, und auch wir berichteten 2012 zuversichtlich. „Detroit, eine wilde Stadt, erfindet sich neu“ lief im Deutschlandfunk, und Dan Pitera, noch heute Professor an der University of Detroit Mercy, schwelgte im Optimismus: „vom Apokalyptischen zu einem hoffnungsvollen Zustand der Veränderung“.
So ist es nicht gekommen. Bis heute ist die Stadt „autogerecht“. Was früher für US-Bürger ein Segen schien, ist heute ein Damoklesschwert. Die lebensnotwendige Infrastruktur, beispielsweise Lebensmittelmärkte, konzentriert sich auf die Innenstadt. Die ist aber nicht für jeden erreichbar, ein Auto kann sich in Detroit längst nicht mehr jeder leisten. Deswegen sind die Menschen, die außerhalb des Zentrums leben, auf andere Versorger, beispielsweise Tankstellen angewiesen. Dort gibt es nur wenig, und was es gibt, ist meist nicht für eine ausgewogene Ernährung geeignet. Der öffentliche Nahverkehr hilft kaum, er ist in den peripheren Vierteln praktisch nicht existent.
Die zwei Tage, die ich im August in Detroit verbrachte, waren eine deprimierende Erfahrung. Ich kann mir nicht vorstellen, wie diese weitläufige Stadt einen positiven Wandel vollziehen kann. Welche Ökonomie soll diese gigantische Infrastruktur wiederbeleben? Was soll mit den Vierteln geschehen, die niemals wieder komplett bewohnt sein werden?

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