Architekturführer Zürich

Text: Jäger, Frank Peter, Berlin


Architekturführer Zürich

Text: Jäger, Frank Peter, Berlin

Ein kurzer Ausflug ins Internet bestätigt, was man kaum glauben mochte: Die Ankündigung des Hochpar­terre-Verlags, den ersten umfassenden Architekturführer für Zürich herauszubringen, ist kein Marketing-Getrommel, sondern entspricht den Tatsachen. Das erstaunt – ist doch die größte Stadt der Schweiz mit ihrer beneidenswerten Bauherrnkultur und der zugehörigen Dichte offener Architekturwettbewerbe seit langem ein Eldorado innovativen Bauens, insbesondere im verdichteten Wohnungsbau und bei öffentlichen Gebäuden. Doch Werner Huber, langjähriger Redakteur der Zeitschrift Hochparterre, entschied sich bei der Auswahl für seinen „Architekturführer Zürich“ bewusst dagegen, alleine die unstrittigen Meilensteine des Zürcher Bauens zu würdigen. Denn seiner Meinung nach gehören zu einer ausgewogenen Bauchronik auch zwiespältige und problematische Werke. Und weil das 785 Seiten starke Werk neben Hochbauten auch Freiraumgestaltungen und Verkehrsbauten einbezieht, kommt es auf rund 1200 Objekte. Kurzum: Was der Leser hier nicht findet, das muss er auch nicht wissen.
Allerdings liegt darin zugleich die einzige Schwäche des Werks: Eben weil Huber extrem viele Objekte aufgenommen hat, wird sein Werk sehr lexikalisch, und es fehlt der Platz, Bauten, die als besondere Meilensteine gelten dürfen, ausführlicher dazustellen. Architekturrundgänge in Zürich werden ihren Fokus jedoch meist im zeitgenössischen Bauen haben. Auch auf Grundrisse von Schulhäusern, die aus Platznot nur daumennagelgroß abgedruckt werden, kann manverzichten.
Weil der Autor auf ein in vier Jahrzehnten zusammengetragenes Material und Hintergrundwissen zurückgreifen kann, sind seine Steckbrie­-fe zu den Bauten fast nie nüchterne stilistische Einordnungen, sondern gern pointierte Kurzkritiken. Und er erläutert Stadträume und Architektur als Ausdruck der örtlichen Kulturgeschichte, wobei teils kuriose Zusammenhänge zu Tage treten: So entwickelte sich die Aargauer Gemeinde Spreitenbach in den 1960er Jahren zum belieb­-ten Wohnstandort unverheirateter Paare aus der Stadt, weil dort bis 1972 ein Konkubinatsverbot bestand. Der Hang zur „wilden Ehe“ also als Motor für den Aufschwung einer Agglomerationsgemeinde.
Dass sich der Autor entschloss, diese Ränder ausführlich einzubeziehen, erweist sich als Stär­ke des Werks; gerade in der Peripherie entstanden in den letzten Jahren erstaunlich viele qua­litätvolle Siedlungen und Quartiere, begünstigt auch durch den im Schweizer Raumplanungsgesetz von 2013 festgeschriebenen Vorrang für die Innenentwicklung. Im engeren Stadtgebiet dagegen illustriert der Führer, wie vielseitig und kontinuierlich (nämlich ohne das ungute Intermezzo der NS-Architektur) sich die Ära der Moderne zwischen 1915 und 1960 in Zürich manifestiert hat – vom Bahnhof Enge über das emblematische Pilzdach der Tramwartehalle am Bellevue bis zur heiteren Moderne des Strandbades Tiefenbrunnen.
Eingeleitet wird der Katalogteil von acht Gastbeiträgen bekannter Architekturjournalisten, welche die Etappen der Zürcher Stadtentwicklung nachzeichnen. Als Überblick über das Bau­-en in dieser Stadt setzt das Buch bleibende Maßstäbe.
Fakten
Autor / Herausgeber Werner Huber
Verlag Edition Hochparterre, Zürich 2020
aus Bauwelt 23.2021
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