Lineage and Legacy

A certain Modernism in Cadaqués

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin


Lineage and Legacy

A certain Modernism in Cadaqués

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

Die vernakuläre Architektur im Mittelmeerraum war in den 1950er und 60er Jahren für etliche Architekten eine Quelle der Inspiration. Die kubischen, einfachen Mauerwerksbauten mit ihren flach geneigten Dächern boten sich an, mit Tendenzen der zeitgenössischen Kunst kurzgeschlossen und aktualisiert zu werden, vom Entwurf ab­strakter Kompositionen bis hin zur Verwendung roher Materialien „as found“. Anhand von Bau­­-ten wie Büchern lässt sich dieses Interesse bis heute nachvollziehen: In den Sinn kommen Projekte von Bernard Rudofsky, die sich entlang der Architektur der tyrrhenischen Küste Italiens hangeln, und Publikationen wie die auch in Europa rezipierte Reihe zu „Villages and Towns“, die um 1970 von A.D.A. Edita in Tokyo verlegt wurden und deren insgesamt zehn Bände immerhin acht dem Mittelmeerraum widmeten (die beiden anderen fokussierten Deutschland und das Bauen in den Alpen); Spaniens anonyme ländliche Bauten und Siedlungsstrukturen untersuchten ab 1974 die „Itinerarios de Arquitectura popular espanola“ von Luis Feduchi.
Wie ein nochmaliges Heranzoomen wirkt der nun im Schweizer Quart Verlag erschienene Band „Lineage and Legacy“, zu deutsch Herkunft und Erbe, von Stephen Bates und Fernando Villavecchia: Die beiden Architekten erinnern mit ihm daran, wie im Lauf der 50er Jahre der nordostspanische Küstenort Cadaqués zur Künstler- und Architektenkolonie wurde, besucht und – zumindest temporär – bewohnt von internationalen Größen wie Marcel Duchamp, Man Ray und John Cage. Zumindest im deutschsprachigen Raum nicht ganz so geläufig sind heute noch die Namen der Architekten, die in Cadaqués für diese künstlerisch-intellektuelle Gesellschaft Wohnhäuser bauten bzw. umbauten: José Antonio Coderch, Alfonso Milá und Federico Correa, Peter Harnden und Lanfranco Bombelli. Deren Wirken setzen Villavecchia mit seiner Partnerin Eileen Liebman seit den achtziger Jahren fort, und Stephen Bates hat mit seinem Partner Jonathan Sergison in den 90ern daran angeknüpft. „Lineage und Legacy“ ist also auch ein persönliches Buch, dass die Beziehung der Autoren zu Cadaqués anschaulich werden lässt.
Ihre Geschichte des „Kritischen Regionalismus“ an diesem Ort entfaltet sich in sechs Kapiteln, „Über das Modernsein“, „Über Einfachheit“, „Übers Teilen“, „Über Beinahe-Räume“ , „Über Schwellen“ und „Über Möbel“ benannt. Der Horizont des Buchs ist also weit gezogen, er schließt die Debatten in CIAM und Team 10 nach 1950 ebenso ein wie die politische Enge des Franco-Regimes in Spanien; die persönlichen Kontakte von Antonio Coderch nach Italien, Mailand zumal, und die kosmopolitische Atmosphäre auf den Parties der Architekten und Künstler, die in Cadaqués, diesem damals noch entlegenen Fischerdorf, Ablenkung und Anregung suchten. Der eigentliche Kern des Buchs aber ist die graphische Dokumentation von 27 ab 1954 dort errichteten Gebäuden und deren Porträt, das der britische Fotograf David Grandorge im Laufe mehrerer Besuche in den letzten Jahren angefertigt hat. Abgerundet von einem Interview mit den Architekten, ist „Lineage und Legacy“ ein Epochengemälde ebenso wie die jüngere Geschichte von Cadaqués, ein prall gefülltes Kapitel Architekturhistorie ebenso wie eine Inspir­a­tion für alle heute Entwerfenden. Mit seiner klaren Graphik und Konzeption eines der gelungensten Architektur-Fachbücher des letzten Jahres.
Fakten
Autor / Herausgeber Stephen Bates und Fernando Villavecchia
Verlag Quart Publishers, Luzern 2021
Zum Verlag
aus Bauwelt 10.2022
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